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Analyse: Interpol am Ball

Wettbetrüger gehen offenbar mit der gleichen Professionalität und Brutalität vor, wie das in der Drogenszene und im Rotlichtmilieu der Fall sein kann. Deshalb muss die Polizei ran beim Wettskandal. Von Jan Christian Müller

Jan Christian Müller ist Sportredakteur der Frankfurter Rundschau.
Jan Christian Müller ist Sportredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Alle zwei Sekunden überwachen die Computerprogramme für Sportwetten per Radar mehr als 200 Variationen von Livewetten im Internet. Unvorstellbare Datenmengen aus der ganzen, großen Welt des Sports laufen auf den Hochleistungsrechnern ein. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Das globale Ortungsverfahren für Wettmanipulation hat nicht angeschlagen, als nach Lage der Ermittlungen in diesem und im vergangenen Jahr im großen Stil Fußballspiele verschoben wurden. Denn die arglistigsten der Sportverbrecher machen ihr Geschäft im Verborgenen.

Dass der sonst so mächtige Weltfußballverbandschef Sepp Blatter sich angesichts der kriminellen Energie ausnahmsweise mal machtlos fühlt und in Südafrika nun voller Stolz die Weltpolizei Interpol als neuen Partner vorstellt, ist also nachvollziehbar.

Aber die internationale Taskforce muss auch mit entsprechendem Personal ausgestattet werden, um glaubwürdig arbeiten zu können. Denn die Wettbetrüger gehen offenbar mit der gleichen Professionalität und Brutalität vor, wie das in der Drogenszene und im Rotlichtmilieu der Fall sein kann.

Erstaunlich ist das nicht, steckt dahinter doch die gleiche menschenverachtende Mentalität der organisierten Kriminalität, die auch vor Drohungen gegen Leib und Leben nicht halt macht. Spieler unterer Fußball-Ligen und derzeit aus trüben Gewässern auftauchende " kleinere Fische" berichten von Einschüchterung, gar Gewalt, um den Weg zum gewünschten Ergebnis zu ebnen. Experten vermuten, dass Sportwetten als gigantische Geldwaschmaschinen funktionieren, die den Dreck so verborgen aus dem Kreislauf schleudern, dass die arglose Öffentlichkeit es gar nicht merkt.

Nach der Affäre um den Skandalschiedsrichters Robert Hoyzer und seine Hintermänner aus dem Berliner Cafe King war vermutet worden, das Abschreckungspotenzial für Wettbetrüger sei nun zumindest in Deutschland groß genug, um weiteren Flurschaden zu vermeiden. Zumal die computergesteuerten Überwachungssysteme seitdem mehrfach verbessert wurden. Aber inzwischen dürfte klar sein: Das Netzwerk gegen Betrug auf dem Sportplatz kann gar nicht eng genug geknüpft werden. Mit einem weit größeren finanziellen und personellen Aufwand ist bereits über einen weit längeren Zeitraum hinweg die Dopingfahndung verstärkt worden, ohne dass die Lust am Sportbetrug entscheidend abgenommen hätte.

Der Druck auf den Spitzensport ist im Dopingkampf freilich noch größer, weil Doping gerade dort anfängt, wo der Hochleistungssport seine Grenzen findet,wähend der Wettbetrug genau dort aufhört: Fußballspieler,die in der ersten deutschen Bundesliga im Schnitt rund 100 000 Euro brutto pro Monat einstreichen, dürften so gut wie resistent dagegen sein, sich mit ein paar Zehntausend Euro auf dem Spielfeld vom Ball möglichst fernzuhalten, damit die Wettmafia sich die Geldtaschen füllt.

Die düsteren Szenarien, die derzeit iangesichts der Abgründe des globalen Schwarzmarkts für die gut geölte Spitzensportindustrie gezeichnet werden, sind sicher heillos übertrieben. Zumal es seinerzeit so schien, als ströme der Spielhöllengeruch des Falls Hoyzer eine groteske Faszination auf eine sensationslüsterne Fangemeinde aus.

Die Zuschauerzahlen sind seitdem in der Bundesliga noch einmal spürbar angestiegen, die Wettumsätze ebenfalls. Dass hinter der Unterhaltungsmaschinerie etwas Halbseidenes, oft gar Verbotenes herausschimmert, mag geradezu zum - natürlich ungeschriebenen - Geschäftsmodell gehören. Wie auch die scheinheiligen Forderungen von Spitzenvertretern der Branche, die den neuen Wettskandal zum ngriff auf das nationale Oddset-Monopol zu nutzen versuchen.

Natürlich ist es absurd zu glauben, im Internetzeitalter, in dem jeder Halbwüchsige sich problemlos bei einem der Online-Wettanbieter einloggen kann, könnte ein Glücksspiel-Staatsvertrag die Wettleidenschaft eindämmen. Aber genauso naiv wäre es anzunehmen, ein liberalisiertes Wettgesetz würde die Machenschaften hinter die Strafraumgrenze vertreiben.

Was angesichts der hohen kriminellen Energie der Wettkartelle hilft, ist vor allem kriminalistischer Spürsinn und intensivelizeiliche Ermittlungsarbeit.

Autor:  Jan Christian Müller
Datum:  3 | 12 | 2009
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