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27. August 2012

Analyse: Israel erschrickt über Rassismus in der Gesellschaft

 Von Inge Günther
Äthiopische Immigranten protestieren in Jerusalem gegen Rassismus.  Foto: dapd

Der Rassismus ist auch in Israel inzwischen vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Er gehört dort jetzt zum Alltag.

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Es geschah am Zionsplatz, im Zentrum von West-Jerusalem. Bermuda-Dreieck wird diese Gegend mit der höchsten Dichte an Musikclubs und Shisha-Kneipen genannt, ein El Dorado für Nachtschwärmer. An jenem Donnerstagabend spazierte auch Jamal Julani, 17, mit zwei gleichaltrigen Palästinensern aus Ost-Jerusalem in lauer Sommerluft durch die West-Stadt. Den Ausflug hätte er fast mit seinem Leben bezahlt.

Nahebei hat sich ein Pulk von über dreißig israelisch-jüdischen Jungs in Stimmung getrunken. „Tod den Arabern“ grölend ziehen sie über die Straßen. Die Drei haben ihnen nichts getan. Doch jetzt wird Jagd auf sie gemacht. Die beiden anderen Palästinenser können fliehen, nicht aber Jamal Julani. Die Meute erwischt ihn, Schläge prasseln auf ihn ein. Er stürzt auf den Steinboden. Ein Fußtritt gegen die Brust raubt ihm die Sinne. Er kollabiert. Hunderte Umstehende unternehmen nichts. Als der Rettungswagen eintrifft, weist das Opfer keinen Pulsschlag mehr auf. Ein Polizeioffizier nennt die Tat später einen „versuchten Lynchmord“.

Alarmierende Symptome

Zehn Tage ist das her. Jamal Julani ist aus dem Koma aufgewacht und auf dem Wege der Besserung. Doch der Schock in der israelischen Gesellschaft wirkt nach. Rassistisch motivierte Gewaltbereitschaft hielt man bislang für ein Phänomen, das sich unter militanten Siedlern „in den Gebieten“ – womit das besetzte Westjordanland gemeint ist – ausbreite, aber nicht im zivilisierten Israel. Ein Irrtum, wie sich vor dem Untersuchungsrichter zeigte. Acht mutmaßliche Mittäter hat die Polizei nach dem Vorfall festgenommen. Der Jüngste der Verdächtigen ist 13, der Älteste 19 Jahre alt. Auch zwei Mädchen sollen beim „Araber-Klatschen“ mitgemacht haben. Bedauernde Worte für das Opfer findet keiner. Einer meint trotzig: „Er ist doch Araber. Er verdient es zu sterben. Wegen mir könnte er tot sein.“

Die israelische Öffentlichkeit bis hin in die Regierungsspitzen reagiert entsetzt. Demonstrativ besuchte Knesset-Sprecher Reuven Rivlin das Opfer am Krankenbett. Soweit so gut. Gegen Hooligans und andere gewalttätige Jugendliche sind schließlich auch westliche, demokratische Gesellschaften nicht gefeit. Israel ist da keine Ausnahme. Zu erwarten, dass der jüdische Staat aus historischer Erfahrung mit Minderheiten vorbildlicher als alle anderen umgeht, wäre auch unrealistisch und überdies selbstgerecht.

Dennoch sind die israelischen Symptome alarmierend. Weil sich rassistische Ausschreitungen häufen, ohne dass die Politik sich dem Problem wirklich stellt. Im Mai waren es Tel Aviver Kleinbürger, die afrikanische Flüchtlinge hetzten. Viele Schwarze trauen sich dort kaum noch aus dem Haus. In Jerusalem, dessen Stadtbevölkerung immerhin zu 35 Prozent palästinensisch ist, verbirgt sich unter glatter Oberfläche eine Dauerspannung. Sie kann jederzeit aufbrechen, auch unter Juden und Arabern, die sich eben noch in der Straßenbahn gegenüber saßen. Mal fühlen sich israelische Jungs von palästinensischen Jungs provoziert, weil die im Park mit jüdischen Mädchen flirten. Mal bekommt ihre Wut ein arabischer Parkplatzwächter ab, oder eine verlassene Moschee in West-Jerusalem wird in Brand gesetzt. Im Westjordanland sieht es noch schlimmer aus. Dort gibt es nahezu täglich Siedler-Übergriffe auf Palästinenser, viele werden nicht mal gemeldet.

Natürlich soll man nicht vergessen, dass es vor allem in den Intifada-Jahren schauderhafte, von Palästinensern verübte Anschläge gab. Aber das Problem ist, dass Israels Justiz vergleichbare Taten unterschiedlich bestraft. Ein israelischer Teenager, der 2011 einen Palästinenser mit einer Rasierklinge umbrachte, erhielt acht Jahre Haft. Arabische Minderjährige, die einen Israeli am Strand von Tel Aviv erschlugen, kassierten je 29 Jahre. Der eine Fall wird als Jugendgewalt, der andere wie ein Terrorakt eingestuft.


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Oft genug kommt ein Israeli, der einem Araber etwas angetan hat, sogar ungestraft davon. Zudem kann er mit Verständnis, sogar mit Sympathien seiner Landsleute rechnen. Anti-arabische Ressentiments sind in religiösen und rechtsnationalen israelischen Kreisen salonfähig. So rief der Rabbiner von Safed vor anderthalb Jahren dazu auf, keine Zimmer an arabische Studenten zu vermieten.

Noch problematischer ist, dass auch in der Regierung Außenminister Avigdor Lieberman nicht der einzige ist, der aus seiner Abneigung gegenüber Arabern keinen Hehl macht. Zwar ordnete Erziehungsminister Gidon Saar an, nach den Sommerferien sollten die Schulen sich mit Jugendgewalt und dem Überfall auf Jamal Julani auseinandersetzen. Aber das Lieblingsprojekt des Erziehungsministers ist, einen Besuch bei den radikalen, Araber-hassenden Siedlern von Hebron zum Pflichtprogramm für israelische Klassen zu machen – nicht etwa zur Abschreckung sondern zur Stärkung des patriotischen Bewusstseins. Entsprechend düster fällt die Prognose kritischer Israelis aus: Die nächste Hasstat kommt bestimmt.

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