Wahnsinn! Schumi kommt zurück! Eine "Rennsportlegende" ist wieder Gegenwart! Die Sensation ist perfekt. Platz eins in den Tagesthemen. Aufmacher-Story für den Boulevard. Nichts Wichtigeres auf der Welt, als dass ein 40-Jähriger sich wieder hinters Steuer eines Ferrari klemmt. Weil einer seiner Kollegen sich fast um Kopf und Kragen gerast hat, will Michael Schumacher nun selbst wieder im Kreis brettern, um sich sofern er die Raserei nicht nur heil, sondern auch als erster übersteht von Kumpels mit klebrigem Nass aus überdimensionalen Champagnerflaschen abspritzen zu lassen. Wenn das keine nationale Freudenbotschaft ist!
Wer meint, dass Idole von heute breitbeinige Autos und potente Krafttechnologie brauchen, kann in den Jubel einstimmen. Nur wird er dabei auf ein doppeltes Auslaufmodell setzen. Denn das PS-strotzende Männlichkeitsritual Formel 1 transportiert sowohl gesellschaftlich als auch ökonomisch Botschaften von gestern. Der Rennsport und der ihn umgebende Zirkus sind letzte Kultstätten eines Männerbildes, das in seiner ungebrochenen Technik- und Tempofixiertheit zwar auch weibliche Anbeterinnen findet, aber eher ins Antiquariat der Gesellschaft von morgen gehört. Auch ökonomisch kollidiert das Renn- Spektakel mit der Zukunftsvision einer von Krisen und Klima gebeutelten Gesellschaft.
Und so ist die eigentliche Sensation hinter der "Sensation", dass Schumacher wieder einsteigt, der fast zeitgleich verkündetete Ausstieg von BMW aus der Formel 1. Die dreistelligen Millionenbeträge, die der Konzern dafür jedes Jahr aufwandte, sieht er künftig sinnvoller und werbewirksamer investiert: in der Entwicklung neuer, energiesparender Technologien. Statt mehr PS und immer breiterer Reifen, weniger Spritverbrauch und Klimaschaden.
Die jähe Entdeckung der Langsamkeit ist dabei weniger Zeichen ökologischer Läuterung als Sieg ökonomischer Vernunft. Ausbleibende Erfolge bei der Formel 1 und dramatisch klamme Konzernkassen waren maßgeblich an der grünen Vollbremsung bei BMW beteiligt. Dennoch bedeutet der Ausstiegs-Beschluss ein Umsteuern. Er ist Richtungsentscheidung für ein anderes Firmenimage. Obwohl nicht sicher ist, dass der bayerische Autobauer die eingesparten Formel-1-Millionen wirklich in Entwicklung grüner Technologien steckt (oder damit nur Finanzlöcher stopft), er hat sich zu einer Werbe-Botschaft bekannt: Raserei war gestern, Klimawandel ist heute. Spritsparen ist nicht erst morgen. Wir haben verstanden. In diesem Konzept lässt sich mit einem Formel-1-Schlitten, der 70 Liter schluckt auf 100 Kilometer, kein Blumentopf gewinnen. Die rollende Werbefläche Rennauto würde als Geisterfahrer,das grüne Firmen-LabeI geradewegs in die Vergangenheit manövrieren.
Die BMW-Kehrtwende ist deshalb nicht das Ende der Formel 1 oder des Motorsports. Der wird weiter seine Schumi-Fähnchen schwenkenden Fans finden. Aber nach den Bayern könnten auch andere Autobauer ins Grübeln kommen, ob sich Autorennen als Werbeträger noch auszahlen. Die Raserei wird weiterhin Kitzel wecken und ungebrochene Anziehungskraft auf Technik-Freaks und Macho-Möger haben. Nur als Aushängeschild hat sie sich in einer auf Nachhaltigkeit und neues Rollenverständnis angewiesenen Gesellschaft überlebt. Im Kreis fahren egal wie schnell bringt einfach nicht vorwärts.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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