Der Hamburger Senat steht kurz davor, ein pädagogisches Verbrechen zu begehen: Er pfercht seine Kinder sechs statt vier Jahre in die Grundschule ein und versperrt den Begabten den Zugang zum Gymnasium. Im hohen Norden scheint Deutschlands erster Schulknast zu entstehen: Hilfe, holt uns hier raus!
Als Retter in der Not präsentiert sich seit Monaten eine hartleibige Protest-Initiative, die das längere gemeinsame Lernen in der Hansestadt um jeden Preis zu verhindern sucht. "Wir wollen lernen!", skandieren ihre Anführer und suggerieren dabei, dass die schwarz-grüne Koalition genau das Gegenteil plant, nämlich Verdummung der künftigen Schülergeneration.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Hamburg wagt den Versuch einer Strukturreform, die bundesweit Schule machen könnte. Doch das neue Modell droht dem Kampf um Privilegien zum Opfer zu fallen, obwohl der Senat das vielen Eltern hochheilige Gymnasium gar nicht in Frage stellt. Es bleibt unangetastet neben den Stadtteilschulen bestehen, die das Abitur nach 13 statt zwölf Jahren anbieten.
Aufgeschreckt durch das erfolgreiche Volksbegehren mit mehr als 180000 Unterschriften, gibt sich der Senat mittlerweile kompromissbereit bei Elternwahlrecht und Zeitplan. Dennoch ließ die Protest-Initiative am Mittwoch auch die dritte Verhandlungsrunde platzen. Sie bleibt bei ihrer Maximalforderung, die auf die folgende Formel hinausläuft: Schüler sortieren ab Klasse vier.
Genau das möchte die Regierung Ole von Beust mit der grünen Schulsenatorin Christa Goetsch künftig verhindern, indem Grundschüler sechs Jahre gemeinsam lernen. Den gleichen Vorstoß unternimmt derzeit die Jamaika-Koalition im Saarland. Hier konnten die Grünen dem Koalitionspartner allerdings nur die fünfjährige Grundschule abringen.
Zugute kommen soll eine verlängerte Primarstufe jenen Schülern, die den Kultusministern in allen Bundesländern Sorge bereiten: Kinder aus bildungsfernen Schichten, die im gegliederten Schulsystem in der Regel schon mit neun Jahren zu den Verlierern gehören und später zu jenen rund acht Prozent eines Jahrgangs zählen, die die Schule ohne Abschluss verlassen.
Das zweisäulige Hamburger Schulmodell mit einer verpflichtenden sechsjährigen Grundschule ist kein Allheilmittel, aber es bietet (gute personelle und pädagogische Ausstattung vorausgesetzt) die Chance, den ewigen Kreislauf aus sozialer Herkunft und Bildungschancen aufzubrechen. Wie stark die Wechselwirkung in Deutschland immer noch ist, zeigt die Hamburger Bürgerinitiative exemplarisch: Hier sorgt sich vor allem das Bildungsbürgertum um die Karrierechancen des Nachwuchses, der schon qua Geburt die besseren Aufstiegsmöglichkeiten hat. Der Rest schweigt, weil er andere Sorgen hat oder die Tragweite der Reform nicht erkennt.
Stattdessen melden sich landauf, landab Teile einer Elterngeneration zu Wort, die ihre Beine in die Hand nehmen, um beim Bildungswettlauf immer an der Spitze zu bleiben. Für sie sind zwei zusätzliche Grundschuljahre verlorene Zeit, weil das Ziel "Abitur" mit Verzögerung erreicht wird und die Kinder beim nächsten Sprint Richtung Bachelor und Master ins Hintertreffen geraten könnten. Dabei täte es auch den Beschleunigern gut, im Sinne ihrer Kinder auch mal auf die Bremse zu treten.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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