Das Klopfen auf die eigene Schulter war republikweit vernehmbar. Deutschland erlebe ein "Geburtenhoch" jubilierte Ursula von der Leyen, Ministerin für Familie und Verkündung guter Nachrichten. Nach Jahren des Abwärtstrends seien 2008 wieder mehr Kinder geboren worden - zum zweiten Mal in Folge und nicht zuletzt durch das neue Elterngeld und andere Segnungen ihrer Politik. Das war vor gut einem Monat.
Am Dienstag nun musste von der Leyen ihr kleines Babywunder selbst entzaubern. Denn da versetzte die nun komplette Jahresbilanz des Statistischen Bundesamts der ministeriellen Zuversicht samt Eigenlob einen Dämpfer. Anders als im Februar prognostiziert, ist die Zahl der Geburten 2008 nicht gestiegen, sondern um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. 2007 wurden 682 713 Kinder in Deutschland geboren, im vergangenen Jahr waren es 8000 weniger.
Statistisch gesehen ist der leichte Rückgang keine nennenswerte Größe. Politisch aber ist er ein Bumerang für den Versuch der Familienministerin, die Rolle des Klapperstorchs zu reklamieren. Den "ungewöhnlichen Einbruch der Geburtenzahlen im letzten Quartal 2008" habe niemand vorhergesehen, musste sie gestern kleinlaut einräumen. Der Mut zu Kindern habe sich als "zartes Pflänzchen" erwiesen. Statt Eigenlob folgte nun die selbstkritische Mahnung: "Wir müssen einfach noch besser werden."
Dabei taugt die eher ernüchternde Statistik keineswegs als Beleg, dass familienpolitische Instrumente wie Elterngeld oder bessere Kinderbetreuung wirkungslos verpuffen. Denn keiner weiß, ob die Geburtenzahl ohne diese Anreize nicht noch weiter gesunken wäre. Außerdem sagt die absolute Zahl der Neugeborenen auch nichts darüber aus, ob sich die Einstellung zu Kindern und zum Kinderkriegen nicht doch verändert hat. Denn dass 2008 etwas weniger Babys geboren wurden, erklärt sich auch als Spätfolge des Pillenknicks der 1960er und 70er Jahre. Seitdem schrumpft nahezu Jahr für Jahr die Gruppe der Frauen, die als potenzielle Mütter in Betracht kommen. Indikator für einen Trend zu mehr oder weniger Kindern ist deshalb eher die Geburtenziffer - die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Frau zwischen 15 und 50 Jahren. Diese Quote befindet sich in Deutschland seit fast vierzig Jahren im stetigen Sinkflug. Von einst 2,5 Kindern pro Frau und einem dramatischen Nachwende-Einbruch in Ostdeutschland pendelt sie nun gesamtdeutsch um die 1,30 Marke. 2007 ist die Geburtenziffer minimal auf 1,37 gestiegen. Für 2008 aber gibt es noch keine verlässlichen Angaben.
Die jetzt vorliegenden absoluten Zahlen müssen deshalb auch nicht der "gefühlten" Beobachtung widersprechen, dass allerorten wieder mehr Babywagen geschoben werden. Die Zahlen zeigen eher, wie heikel es ist, Geburtenraten politisch zu instrumentalisieren. Denn so wie Kanzler Konrad Adenauer 1957 mächtig irrte, als er familienpolitische Untätigkeit mit dem Satz abtat "Kinder kriegen die Leute sowieso", so funktioniert auch der Umkehrschluss nicht: staatliche Familienförderung wird nicht auf Knopfdruck zum privaten Geburtshelfer. Politik ist in der Pflicht, beste Rahmenbedingungen für Eltern und Kinder zu schaffen. Aber ihr Einfluss auf individuelles Geburtenverhalten ist begrenzter als einige Minister meinen. Zum Glück.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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