Am Ende konnte nicht einmal die kleine Hufeisennase helfen. Dabei hatten für kurze Zeit alle Hoffnungen auf den Schwingen der bedrohten Fledermausart geruht, die Verankerung massiver Betonpfeiler im Dresdner Elbtal noch verhindern zu können. Die lieblichen Worte wie Hufeisennase und Waldschlösschenbrücke vermochten zu keinem Zeitpunkt den erbitterten Streit und das politische Desaster zu kaschieren, das sich seit Mitte der 1990er Jahre zum Dresdner Brückenstreit aufgetürmt hat.
Das Welterbe-Komitee der Unesco hat in Sevilla nach tagelangem Disput nun eine Entscheidung vollzogen, die viele befürchtet und einige politisch in Kauf genommen haben. Die Streichung des Dresdner Flusstals aus der Liste des Weltkulturerbes ist keineswegs von ausschließlich lokalem Belang. Es ist eine große Summe kulturellen Kapitals verschwendet worden. Wer die Welterbeliste allein als touristisches Gütesiegel betrachtet, der wird davon ausgehen, dass Dresden über den Verlust des attraktiven Labels hinwegkommen wird. Die Stadt mit Zwinger und Frauenkirche hat mehr zu bieten als nur den freien Blick auf eine einzigartige Flusslandschaft aus Canaletto-Perspektive. So sah es wohl auch der frühere sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), als er sich nach jahrelangem Brückenkampf zu der lapidaren Position durchgerungen hatte: "Der Verlust des Welterbetitels ist verkraftbar." So wurde in politisches Selbstbewusstsein umgedeutet, was an der Fähigkeit zur Kompromissbildung fehlte. Der Dresdner Brückenstreit erzählt nicht zuletzt die Geschichte einer lokalen Politik, die sich hinter dem bindenden Gebot des demokratischen Souveräns verschanzte. Ein Bürgerentscheid verhakte sich hier mit der Verpflichtung der Bundesrepublik, alles in ihren Kräften stehende zum Erhalt des Welterbes zu tun.
Es wäre aber unredlich, die vertrackte Situation allein den Komplikationen demokratischer Verfahren zuzurechnen, über denen der Verdacht schwebt, dass der einmal geäußerte Bürgerwille politisch instrumentalisiert worden ist. Ein keineswegs über dem Verfahren stehender Akteur ist denn auch die Welterbe-Kommission der Unesco, die mit einer fragwürdig puristischen Haltung das Hin und Her in der Dresdner Zwickmühle beobachtet hat. Dem Verhalten der Unesco liegt eine Einstellung zugrunde, der zufolge nur das Unversehrte Anspruch auf den Titel Kulturerbe erheben kann. Kultur als sakraler Rest aus der Vergangenheit. Frühzeitig hatte sie sich darauf versteift, dass allein eine Untertunnelung des Elbtals als Alternative in Frage käme. Die Kommission trat so als weltfremder Gralshüter auf, für den die Kulturgüter vor allem musealen Wert haben.
Kulturgüter werden aber auch durch die Herausforderung belebt, sich als Zeugnis aus der Vergangenheit immer wieder in den Alltag zu integrieren. Am Elbtal hätte dies mit allen Mitteln der Kunst und des Bauwesens bewiesen werden können. Tatsächlich hätte gerade die hiesige Brückenbaukunst ihre Fähigkeit unter Beweis stellen können, moderne und zugleich nachhaltige Lösungen anzubieten. Dass die Unesco die internationale Baukunst zur Demonstration ihrer Fertigkeiten nicht ermuntert hat, ist ein erheblicher Teil des Dresdner Dilemmas. Die Unesco hat eine Entscheidung getroffen, aber kein Problem gelöst.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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