Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für Europa: Soeben hat die EU-Kommission den Willen bekundet, angesichts der umfangreichen Digitalisierung von Büchern über neue Regeln zum Urheberrecht nachzudenken. Diese Neuregelung richte sich vor allem, so heißt es erläuternd, gegen Google.
Der Internetkonzern habe in den vergangenen Jahren eine digitale Bibliothek geschaffen, in der sich auch Millionen urheberrechtlich geschützer Bücher nicht-amerikanischer Autoren befinden. Wenn jetzt nichts unternommen werde, warnen die Medienkommissarin Viviane Reding und der Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy, "könnte die Kultur Europas in Zukunft leiden".
Googles Bestand beläuft sich mittlerweile auf zehn Millionen Bücher. Gegen den Datenhunger des Internetgiganten hat sich eine imposante, auch marktmächtige Front gebildet: Microsoft, Yahoo und Amazon gehören dazu. Das US-Justizministerium nimmt das Google Book Settlement kartellrechtlich unter die Lupe.
In Deutschland sammelt der "Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte" schon seit einiger Zeit den Widerstand. Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist das Digitalisieren von Büchern für Schriftsteller und Verlage in Europa "in keiner Weise akzeptabel". Die Bundesjustizministerin hat in den USA die Bedenken der deutschen Bundesregierung zur Kenntnis gebracht.
Die Digitalierung verändert die Produktion
Und jetzt nimmt sich endlich die EU der Bücherfrage an. Ein neues Urheberrecht soll unsere kulturellen Bestände schützen. Dabei mag die Rede vom "Urheber" etwas irreführend sein. Zumindest dann, wenn es dabei um die unveräußerlichen Rechte eines (Künstler-)Individuums an seinen Hervorbringungen gehen soll. Denn genau darum geht es nicht. Und zwar nicht nur deshalb, weil der Begriff des Autors als Künstler ins romantische Ideenarsenal des 19. Jahrhunderts gehört. Vielmehr haben wir es mit den legitimen Verwertungsinteressen großer und größter Medienunternehmen zu tun.
Der "Urheber" fungiert hier als juristisch notwendige Fiktion, umEigentumsrechte überhaupt marktkonform regeln zu können. Das Problem: Die Digitalierung verändert sowohl die Produktion wie die Distribution von Inhalten, und es gibt bislang kein leistungsfähiges, diesen technischen Neuerungen angemessenes Urheberrecht. Immer noch verfahren alle Beteiligten nach dem Modell des altehrwürdigen "Bibliotheksgroschens".
Doch geht es nicht nur um das Urheberrecht und seinen vornehmlich kommerziellen Sinn. Es ist ein Armutszeugnis, dass Bibliotheken weltweit ihre Schätze Google zur Verfügung stellen, nur weil es für die Digitalisierung zu wenig öffentliches Geld gibt. Zwar lässt sich gegen Verwertung und Enteignung geistigen Eigentums trefflich schimpfen, doch offenbar lässt man "unsere" wertvollen Kulturbestände lieber im analogen Irgendwo verrotten.
Die weltweite Verfügbarmachung kultureller Güter ist nicht aufzuhalten. Unsere Kultur und Sprache werden sich global nur in ihrer digitalisierten und damit allgemein zugänglichen Form bewahren. Oder soll künftig alles nur noch in englischer Sprache verfasst sein? Die USA handeln vorausblickend, auch China und Indien scheinen längst weiter. Anstatt sich also im Kampf gegen Google zu erschöpfen, sollte Europa, sollte Deutschland endlich mehr für seine kulturellen Bestände tun.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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