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Analyse: Lästig wie Pickel

Fernsehen ist Kultur für alle. Aber fast alle würden bestreiten, dass es sich bei der Veranstaltung Fernsehen überhaupt um Kultur handelt. Ein Gespräch über Qualität im Fernsehen unterbietet in der Regel jedoch die reinigende Wirkung von Clearasil. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Der Wutausbruch von Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises erzählt vor allem auch eine Geschichte über die Funktionsgesetze der Medienöffentlichkeit. Es wird viel geredet, aber deswegen noch nicht miteinander gesprochen. Ein Gespräch über Qualität hätte vor einigen Tagen selbst hartgesottene Vielseher wohl zum Wegzappen veranlasst. Nun schauen alle hin, als ginge es um die Bewältigung der Finanzkrise oder Schlimmeres. Schön, dass drüber gesprochen wird.

Dumm nur, dass man davon ausgehen muss, dass ein Gespräch über Qualität für den Gegenstand folgenlos bleiben wird. Das liegt nicht am guten Willen der Beteiligten, die Verständigungsergebnisse in die Tat umzusetzen. Gegen die Wahrnehmung des gewieften Entertainers und Literaturkritikers Reich-Ranicki muss deutlich gesagt werden, dass das Fernsehen besser ist als sein Ruf. War es immer schon.

Immer aber ertönte, seit es das Fernsehen gibt, so vielstimmig wie stereotyp der Klagegesang: Das Fernsehen wird immer schlechter. Das liegt an der mediokren Form des Fernsehens. Es ist Kultur für alle, aber fast alle würden bestreiten, dass es sich bei der Veranstaltung Fernsehen überhaupt um Kultur handelt. Während im Kino nicht nur die Cineasten ihre libidinöse Beziehung zum Medium ausleben und das Bücherlesen per se mit Leidenschaft verknüpft scheint, gilt das Fernsehen als illegitimer Parasit. Es ist immer da, und nicht selten ist es lästig und unangenehm wie Pickel. Ein Gespräch über Qualität im Fernsehen unterbietet in der Regel jedoch die reinigende Wirkung von Clearasil.

So sehr man geneigt ist, Reich-Ranicki recht zu geben, so aussichtslos ist doch auch die Hoffnung auf Besserung, wenn man darunter den sofortigen Durchzug von Geist durchs Programm versteht. Die überwältigende Mehrheit derer, die nun Marcel Reich-Ranicki mit warmherzigem Beifall überschütten, würde vermutlich die Produkte eines Programmmachers Reich-Ranicki meiden. Jeder weiß, dass Qualität im Fernsehen fehlt, aber was das ist, kann keiner so genau sagen. Die Debatte übers Fernsehen hat den Charakter einer kulturpessimistischen Messe, bei der man sich nicht einfach vor der Predigt davonstehlen kann.

Das bedeutet nicht, dass man über den Zustand von Geist und Kultur in der Gesellschaft nicht reden kann und sollte. Es mehren sich die Indizien dafür, dass ganz allgemein und weit über das Fernsehen hinaus der Grundton einer kulturellen Erschöpfung angeschlagen wird. Man hätte es schon gern, dass der Geist überall weht, aber man scheut davor zurück, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Die Kulturkritik ist selbst zu einer leichten Dehnübung im Fitnesscenter der Selbstaufmunterung geworden. Es muss gemacht werden, darf aber nicht allzu sehr anstrengen.

Es geht also bei der Debatte nicht um die Rückkehr der Qualität ins Programm, sondern um die Durchsetzung der Einsicht, dass nicht alles im Sendeformat einsdreißig zu haben ist. Das Leben ist meistens komplizierter, als dass es in eine Talkshow passt. Qualitätsjournalismus hat denn auch nichts mit dem Anspruch zu tun, etwas ein für alle Mal zu sagen. Es geht viel mehr darum, die Kanäle dafür offen zu halten, dass Geschichten immer wieder neu und bisweilen auch anders erzählt werden müssen.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  17 | 10 | 2008
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