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05. September 2012

Analyse: Nicht nur Südländer machen Fehler

 Von Martin Dahms
Spaniens Premier Mariano Rajoy.  Foto: dpa

Die Eurokrise hat das Deutschland-Bild der Spanier kaum berührt. Was sie sich wünschten, wäre ein wenig mehr Verständnis für ihre Sorgen.

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Die Spanier mögen Deutschland. Mehr als die Deutschen ahnen. Kein anderes Land der Welt schätzen sie höher. Die ersten Adjektive, die den meisten Spaniern zu den Deutschen einfallen, sind: gebildet und fleißig.

Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 unterstützten die Deutschen das Land mit Ideen und Geld auf seinem Weg in die Demokratie. Als Deutschland am 3. Oktober 1990 seine Wiedervereinigung feierte, erhielt der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl einen Anruf des spanischen Premiers Felipe González: Er trinke gerade einen Rotwein auf das Wohl Deutschlands. González sei der einzige gewesen, der vorbehaltlos Ja zur deutschen Einheit gesagt habe, erinnert sich Kohl.

Die tiefsitzende spanische Zuneigung zu Deutschland wird durch die Eurokrise gerade auf eine harte Probe gestellt. Doch diese Sympathie erweist sich offenkundig als ziemlich belastbar. Nach einer Umfrage des Madrider Real Instituto Elcano aus diesem Frühjahr war Deutschland noch immer das höchstgeschätzte Land unter den Spaniern. Und vielleicht noch überraschender: Barack Obama ist der von den Spaniern am meisten geschätzte ausländische Politiker. Aber gleich danach kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Auf Hilfe angewiesen

Die Spanier machen die Deutschen nicht für ihre eigenen Probleme verantwortlich. Doch sie wissen, dass sie zur Lösung ihrer Probleme auf die Hilfe der Europäischen Union angewiesen sind. Dort, da sind sich die Spanier zu Recht einig, hat Deutschland das Sagen. Leider jedoch berücksichtige Deutschland bei seiner Politik nicht die Interessen von Ländern wie Spanien – denken immerhin fast zwei Drittel der Spanier.

Der Irrtum, dem Spanier wie Deutsche unterliegen, ist zu glauben, dass sich die Interessen Spaniens und Deutschlands voneinander unterschieden. Beider Volkswirtschaften sind zu sehr ineinander verzahnt, als dass einer den anderen seinem Schicksal überlassen könnte. Die Deutschen haben Angst vor Eurobonds oder vor einer Europäischen Zentralbank, die Staatsanleihen ohne jegliches Limit kauft. Das mögen die Spanier als nationalen Egoismus interpretieren. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer: Den Deutschen fehlt Fantasie. Die Fantasie, sich auszumalen, welch dramatische Konsequenzen (in Form einer schweren Wirtschaftskrise) der Zusammenbruch eines Landes wie Spanien für sie selbst haben würde.

Die Fantasielosigkeit ist Folge einer falschen Fokussierung. Viele Deutsche neigen dazu, diese Krise unter moralischem statt unter wirtschaftlichem Blickwinkel zu betrachten. Sie fragen erst einmal: Wer ist schuld? Und erst dann denken sie darüber nach, wie die Probleme gelöst werden könnten. Die Antwort auf die Schuldfrage – so denken viele Deutsche – scheint auf der Hand zu liegen: Die Länder, die gerade unter Druck stehen, haben sich ihren Ärger selbst zuzuschreiben. Und bringen damit auch noch Deutschland in Bedrängnis, den Musterschüler, der sich keinerlei Verfehlungen vorwerfen muss.

Merkels populistische Ader

Die doch meist vorsichtige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einmal ihrer populistischen Ader nachgegeben, als sie im Mai vergangenen Jahres auf einer CDU-Veranstaltung im westfälischen Meschede den europäischen Südländern unterstellte, weniger fleißig zu sein als die Deutschen. Es sollten sich doch bitte „alle auch ein wenig gleich anstrengen“ (wie die Deutschen), mahnte sie. Da war er, der Schuld zuweisende Finger. Den haben die Spanier der Kanzlerin – bei aller ihr sonst entgegen gebrachten Neigung – nun doch nicht vergessen. Denn sie wissen, dass sie länger arbeiten als die Deutschen, nur etwa halb so viel verdienen wie sie und etwa zur gleichen Zeit in Rente gehen. Merkel irrte sich in diesem Fall wirklich schwer.

Wer nicht nach Moral, sondern nach ökonomischen Gesetzmäßigkeiten fragt, findet andere Erklärungen für Spaniens Krise. Das Land ist mit dem Beitritt zum Euro in eine Falle getappt. In die Falle verlockend niedriger Zinsen, die da auf einmal im fernen Frankfurt festgelegt wurden. Wer unbedingt nach Schuldigen suchen will: Ja, viele spanische Banken haben den Verlockungen nicht standgehalten und Kredite vergeben, als gäbe es kein Morgen. So pumpten sie die Immobilienblase auf. Als die platzte, wurde das ganze Land an den Rand des Ruins gebracht. Refinanziert haben sich diese Banken auch mit dem Geld deutscher Banken, die das kommende Desaster genauso wenig sehen wollten wie ihre spanischen Kollegen. Fehlentscheidungen sind keine südländische Spezialität.

Morgen, am Donnerstag, wird Angela Merkel den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy in Madrid besuchen. Sie wird zu Besuch bei Freunden sein. Die Spanier verstehen, dass sich die Deutschen um ihren eigenen Wohlstand sorgen. Was Merkel verstehen muss: Der Wohlstand der Deutschen hängt auch vom Wohlergehen Spaniens ab. Wahrscheinlich hat sie das längst verstanden. Sie traut sich nur nicht, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen.

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