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26. Oktober 2012

Analyse: Opfer zweiter Klasse

 Von Norbert Mappes-Niediek
Ein Junge spielt vor den niedergebrannten Trümmern einer Roma-Siedlung in Podgorica, Kosovo. Foto: dapd

Die EU-Politiker mahnen die Osteuropäer ständig, sie sollten ihr „Roma-Problem“ lösen. Doch das eigentliche Problem ist die Armut in den betroffenen Ländern.

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Könnte man heute eine Rede zum Völkermord an den Juden halten und morgen nach Moskau fliegen, um den russischen Präsidenten davon zu überzeugen, dass er keine russischen Juden mehr nach Deutschland reisen lässt? Nein, das könnte man glücklicherweise nicht. Man kann aber heute ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma einweihen und morgen zu einem EU-Gipfel reisen und den Beitrittskandidaten Serbien und Mazedonien mit der Wiedereinführung der Visumpflicht drohen, weil zu viele Roma von dort kommen.

Sind Roma Opfer zweiter Klasse? Fühlen wir uns ihnen nicht verpflichtet? Wollen wir aus dem Völkermord an ihnen keine Lehren ziehen? Schon, aber wir haben aus der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der deutschen Sinti und der osteuropäischen Roma tatsächlich nicht die richtigen Lehren gezogen. Das gilt nicht nur für die „pragmatische“ und zunehmend erweiterungsskeptische Bundesregierung, sondern auch für die reuige Öffentlichkeit.

Die Sinti und Roma wurden unter den Nazis aus zwei Gründen verfolgt: aus rassischen und aus sogenannten ordnungspolitischen. Zum einen waren sie Opfer der Vorstellungen von „Rassereinheit“ und genetisch höher- und minderwertigen Völkern. Zum anderen hatten die Nazis aber auch die strengen, oft zwanghaften Ordnungsvorstellungen der Kaiserzeit geerbt und noch radikalisiert. Die „Landfahrerverordnungen“, Polizeischikanen und Ausweisungsbeschlüsse des 19. Jahrhunderts richteten sich nicht speziell gegen „Fremdvölkische“. Sie richteten sich allgemein gegen Arme. Arme sammeln Schrott, ziehen mangels Bleibe umher, betteln, bauen sich Hütten ohne eine Baugenehmigung. Das alles durfte – und darf – nicht sein.

Die rassische Diskriminierung ist heute verpönt, aber der Affekt gegen die Armen steht in voller Blüte. Arme bedauert man von Zeit zu Zeit, man wünscht aber nicht, dass sie einem zu nahe kommen. Wenn 60 Prozent der Deutschen keine Roma als Nachbarn haben wollen, so hoffentlich nicht deshalb, weil die Deutschen so rassistisch wären. Unsere Städte sind bunt geworden, und wegen seines dunkleren Teints fällt man nicht mehr besonders auf. Man will aber nicht mit einer Familie auf der Etage leben, die gezwungenermaßen zu zehnt in einer Dreizimmerwohnung wohnt und sich den Lebensunterhalt mit Müllsammeln verdienen muss. Für die Schwierigkeiten eines solchen Zusammenlebens hat niemand eine Lösung.

Die Klagen über Faulheit, Arbeitsscheu, Liederlichkeit, Unehrlichkeit und mangelnde Dankbarkeit sind bei näherem Hinsehen nicht Roma-typisch. Sie treffen vielmehr Arme überall auf der Welt; man kann sie zum Beispiel wortgleich auch von weißen Amerikanern über die Schwarzen oder von Brasilianern über die Bewohner der Favelas hören. An dieser Stelle kommt der verpönte Rassismus durch die Hintertür wieder herein. Mit dem Phänomen Armut wollen wir uns nicht auseinandersetzen. Deshalb suchen wir das Geheimnis bei den Betroffenen. Die einen finden es bequem, die Armut mit den „kulturellen“ Eigenschaften der Roma zu erklären. Wenn in jüngster Zeit den Roma von wahnwitzigen Forschern und populistischen Autoren pauschal eine mindere Intelligenz zugesprochen wird, darf man mit Fug und Recht wohl auch wieder von Rassismus sprechen.

Die anderen prangern die mangelnde Toleranz der Mehrheit an. Wenn aber die Armut das größte Problem der südosteuropäischen Roma ist, die in unsere Städte kommen, dann ist nicht Toleranz gefragt. Armut gehört bekämpft, nicht toleriert. Man bekämpft sie auch nicht, indem man die Armen bekämpft, wie es deutsche Regierungen bis in die 1960er-Jahre getan haben und wie es jetzt wieder Mode wird. Das „ordnungswidrige“ Verhalten der Opfer ist nicht Ausfluss einer besonderen Kultur. Es ist vielmehr Überlebensstrategie. Niemand bettelt aus Berufung.

Damit Menschen nicht zur Entwicklung solcher Strategien gezwungen sind, muss man ihre Grundbedürfnisse erfüllen. Jeder in der EU, ob Roma oder nicht, soll genug zu essen haben. Jeder braucht in unseren Breiten eine heizbare Wohnung, und jeder muss sich die Busfahrkarte leisten können, um sein Kind zur weiterführenden Schule zu schicken.

Wenn es um Roma geht, wird in ganz Europa tüchtig geheuchelt. Die westeuropäischen Innenminister tun so, als wollten sie den Betroffenen helfen und mahnen die Osteuropäer ständig, sie sollten ihr „Roma-Problem“ lösen und die Menschen nicht länger diskriminieren. Dabei übersehen sie geflissentlich, dass hier nicht ein ominöses „Roma-Problem“ zu lösen ist, sondern eine Herkulesaufgabe wartet: Seit 1990 sind ganze Landstriche verödet, Millionen Menschen, so gut wie alle Roma, aber auch viele andere, in eine sich verstetigende Armut gerutscht. Als Problem wird diese Armut nur empfunden, wenn sie sich in unseren Straßen zeigt. Wer aber von der Armut nicht sprechen will, soll zum Völkermord, zum Rassismus der Nazis und von der Scham der Nachgeborenen lieber schweigen.

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