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Analyse: Päpstliche Liebe und wenig Offenbarung

Die katholische Kirche sucht Anschluss und entdeckt ihre Soziallehre wieder. Vom Papst war gewiss nicht zu erwarten, dass er in seiner Sozialenzyklika zum Klassenkampf oder zur Enteignung aufrufen würde. Von Christian Schlüter

Dr. Christian Schlüter arbeitet in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Dr. Christian Schlüter arbeitet in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Globale Wirtschaftskrise hin oder her: Vom Papst war gewiss nicht zu erwarten, dass er in seiner Sozialenzyklika zum Klassenkampf oder zur Enteignung aufrufen würde. Nein, ganz so handfest geht es in dem neuen Rundschreiben mit dem Titel "Caritas in veritate" (Die Liebe in der Wahrheit) nicht zu. Vielmehr folgt Benedikt XVI. dem Beispiel seiner vorangegangen Enzykliken und verfällt ins Grundsätzliche: "Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche. Jede von dieser Lehre beschriebene Verantwortung und Verpflichtung geht aus der Liebe hervor, die nach den Worten Jesu die Zusammenfassung des ganzen Gesetzes ist." Wie schon in seinen anderen Verlautbarungen dient auch hier die Liebe als Fundament. Sie dient der Rückversicherung des Glaubens und der Bewahrung seiner Einheit. In der Vielfalt nicht nur ihrer theologischen Spielarten ist sie das Zentralmotiv der päpstlichen Mission.

Was aber folgt daraus für den täglichen Betrieb? Sich ein wenig mehr lieb zu haben, hilft bestimmt - wie und wem auch immer. Aber was dann? Benedikt möchte offenbar mehr und verbindet die Liebe mit einem ebenfalls schon vertrauten Motiv: "Nur in der Wahrheit erstrahlt die Liebe und kann glaubwürdig gelebt werden. Die Wahrheit ist ein Licht, das der Liebe Sinn und Wert verleiht." Mit anderen Worten, erst die "Wahrheit" der göttlichen Offenbarung gibt der Liebe ihre eigentliche Richtung. Und damit auch ihre normative Kraft - womit wir endlich bei der Frage angekommen sind, wohin das Ganze denn nun führen soll.

Es ist nicht viel Neues. Benedikt wiederholt in der Sozialenzyklika seine Kritik an der Gott- und Ethikvergessenheit unserer Zeit, an den funktionalistischen und technokratischen, den Menschen ihren Lebenssinn raubenden Imperativen, am blinden Fortschrittsglauben und Profitstreben; auch möchte er uns warnen, angesichts der Globalisierung ja nicht dem Fatalismus anheimzufallen, sich aber auch nicht dem gewaltsamem Widerstand anzuschließen. Das alles läuft auf ein mehr oder weniger gut ausbalanciertes Einerseits-Andererseits hinaus. Wenigstens innerhalb der Grenzen seines Glaubens will der Papst, der hier wie ein Politiker zu sprechen hat, niemandem wirklich weh tun. Ansonsten bleiben die ebenfalls schon umfänglich veröffentlichten Positionen zu den Themen Gerechtigkeit und Gemeinwohl, Entwicklung und Migration, Sexualität und Bevölkerungswachstum. Darüber mag man sich dann außerhalb der römisch-katholischen Kirche ärgern, innerhalb sollte es mehr oder weniger gut abgehangener Konsens sein.

Erst kürzlich hat der Münchner Erzbischof Reinhard Marx ein Buch mit dem etwas koketten Titel Das Kapital veröffentlicht. Nimmt man nun Benedikts Sozialenzyklika hinzu, so darf man feststellen, dass die katholische Kirche endlich die von ihr vernachlässigte, gewissermaßen links liegen gelassene Soziallehre wiederentdeckt. Und immerhin, auf den insgesamt 142 Seiten des päpstliche Rundschreibens finden wir die Forderung, angesichts der Krise unser Wertmaßstäbe neu zu überdenken und eine "echte politische Weltautorität" zu schaffen - eine Art UN, die wirklich etwas zu melden hätten. Man scheint wieder zu wissen, dass reine Mildtätigkeit nicht weiterhilft und schlägt vor, was andere anderswo längst begonnen haben. Die Kirche sucht Anschluss.

Autor:  CHRISTIAN SCHLÜTER
Datum:  7 | 7 | 2009
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