kalaydo.de Anzeigen

Analyse: Schamhafter Aufbruch ins Normale

Es ist ein kleiner, weiterer Schritt Richtung Gleichstellung und Normalität. Heimlich hat die CSU ihre Klage gegen die Homo-Ehe zurückgezogen. Die hätte auch zum Bumerang werden können in Karlsruhe. Von Vera Gaserow

Vera Gaserow ist Korrespondentin der FR in der Redaktion Berlin.
Vera Gaserow ist Korrespondentin der FR in der Redaktion Berlin.
Foto: FR

Bayerns Waldfläche hat "weiter zugenommen". Eine tolle Erfolgsmeldung hatte die Staatsregierung am Montag zu verkünden. Um 339 Hektar ist der bayerische Forst gewachsen! Um welches Quantum gesellschaftlicher Liberalität der Freistaat zur gleichen Zeit gewachsen ist, erfährt man dagegen nicht.

Eine andere Erfolgsmeldung verschweigen Bayerns Regierende schamhaft. Die nämlich wäre das Eingeständnis einer Niederlage gewesen.

So wurde jetzt erst über mediale Umwege bekannt, dass der Freistaat bereits am 8. Juli klammheimlich seine Normenkontrollklage gegen die stärkere Gleichstellung von Homo-Partnerschaften zurückgezogen hat. Die CSU holt damit das ideologische Geschütz aus Karlsruhe zurück, das sie 2005 unter Regierungschef Stoiber gegen die rot-grüne Novelle des Lebenspartnerschaftsgesetzes aufgefahren hat.

Die Novelle war eine erste Nachbesserung des Gesetzes zur Homo-Ehe. Sie baute steuerliche, versorgungsrechtliche und familienpolitische Benachteiligungen für schwul-lesbische Paare ab. Tiefrotes Tuch für die CSU war vor allem die Stiefkindadoption, das heißt die rechtliche Möglichkeit für Homo-Paare, das leibliche Kind des Partners zu adoptieren. Als wider die Natur hatten die Christsozialen dagegen gewettert und den Einstieg ins volle Adoptionsrecht für Lesben und Schwule gewittert.

Mit ihrem Versuch, das Gesetz in Karlsruhe zu stoppen, standen die CSU-Hardliner allerdings schon 2005 auf einsamem Posten. Nicht einmal das schwarz regierte Sachsen mochte mitziehen bei dem juristischen Nachhutgefecht - aus berechtigter Sorge, sich in Sachen Homo-Ehe erneut eine blutige Nase zu holen. 2002 hatten die Verfassungsrichter auch den zweiten Unions-Anlauf abgeschmettert, das Lebenspartnerschaftsgesetz zu stoppen.

Auch im Freistaat ticken die Uhren zeitgemäßer

Die Sorge, noch ein drittes Mal Schiffbruch zu erleiden, war jetzt auch einer der Gründe für Bayerns leises Zurückrudern. Gerade erst hat das Bundesjustizministerium in einer Studie wissenschaftlich belegen lassen, dass die rund 2200 Kinder, die derzeit in schwul-lesbischen Regenbogenfamilien mit zwei Vätern oder Müttern leben, genauso gedeihen wie bei bi-geschlechtlichen Eltern.

Die Studie verstand sich als Plädoyer für ein noch ausstehendes Recht für homosexuelle Paare, auch ein fremdes Kind gemeinsam adoptieren zu dürfen. Bei einer Entscheidung über Bayerns Klage hätten die Richter also durchaus Fingerzeige für ein volles Adoptionsrecht geben können - ein Bumerang für die CSU.

Zugleich ticken mittlerweile auch im Freistaat die Uhren zeitgemäßer. Nach dem Ende der Ära Stoiber fällt der CSU die ideologische Annäherung an die gesellschaftliche Realität etwas leichter. Zum anderen hat die CSU nach der vergeigten Landtagswahl einen Koalitionspartner, der liberale Öffnung einfordert. Stolz heftete sich die bayerische FDP denn auch gestern das Verdienst an die Brust, dass die CSU mit ihrem Rückzieher in Karlsruhe "im 21. Jahrhundert angekommen" sei.

Zu viel der Ehre. Bis gestern wussten die bayerischen Freidemokraten nicht einmal, dass die Klage schon vor einem Monat aufgegeben worden war. Auch im Koalitionsvertrag hatte die FDP der CSU nur das Zugeständnis abringen können, dass sich schwul-lesbische Paare nun auch in Bayern auf dem Standesamt trauen lassen können. Seit Anfang August immerhin ein kleiner, weiterer Schritt Richtung Gleichstellung und Normalität.

Autor:  Vera Gaserow
Datum:  11 | 8 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Spezial

Katholische Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs werden bekannt.