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Analyse: Schmutzige Hände

Deutschland will Roma in das Kosovo "rückführen". Solch schäbige Abschiebung diskreditiert die Balkanpolitik. Von Norbert Mappes-Niediek

Norbert Mappes-Niediek ist FR-Korrespondent.
Norbert Mappes-Niediek ist FR-Korrespondent.
Foto: FR

Wie Italien mit afrikanischen Bootsflüchtlingen umgeht, stößt in Deutschland auf die fällige Empörung. Aber die ethnische Säuberung des eigenen Lands von Roma aus dem Kosovo verdient mindestens das gleiche Entsetzen. Was sich hinter dem harmlosen Titel eines "Rückführungsabkommens" zwischen Deutschland und der neuen Balkan-Republik verbirgt, ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe. Es denunziert im Nachhinein auch das Mitgefühl, das in diesem Land vor zehn Jahren den bedrängten Albanern im Kosovo zuströmte. Und es entschleiert damit die ganze deutsche Balkanpolitik mit ihrem Pathos von "Hilfe" und "Heranführung".

Mehr als 10.000 Menschen droht in den nächsten vier, fünf Jahren die Deportation. Sie kommen aus gepflegten deutschen Kleinstädten, in denen sie meist geboren und fast immer aufgewachsen sind, in die Hütten verschlammter Siedlungen - ohne Arbeit, ohne Schule, ohne Sozialhilfe, oft auch ohne Pass. Mit dem, was ihnen als "Integrationshilfe" ins Elend geboten wird, können sich gerade mal die Verantwortlichen in Berlin die Hände in Unschuld waschen. Sonst dient es zu nichts.

Die Kosovo-Regierung, die vollständig von EU-Hilfe abhängig ist, hatte bei der Verhandlung des oktroyierten "Abkommens" keine Chance. Sie gibt nur den Stummen Diener, auf dem man die Verantwortung abhängen kann. Die feierlich anerkannte "Souveränität" des Kosovo wird nach nur zwei Jahren zum Hohn. Deutschlands guter Ruf im Kosovo ist schon jetzt nachhaltig beschädigt. Wer so mit seinen Mitbürgern umgeht, verdient für seine Predigten von Toleranz und multikulturellem Zusammenleben nur bitteres Gelächter.

Nach offizieller Lesart soll das Kosovo wie alle Balkanstaaten an die Europäische Union "herangeführt" werden. Dass man sich damit auch Probleme und historische Belastungen einkauft, ist den politisch Verantwortlichen im Prinzip klar. Entweder schließt die Heranführung die Bereitschaft der Europäer ein, die Probleme des Ostens lösen zu helfen, oder die ganze Beitrittsperspektive ist bloß die Karotte, die man dem Pferd vorhält, um es ein Stück in die richtige Richtung zu bewegen. Soll der Balkan zur EU kommen, wird er seine Roma wieder mitbringen. Spätestens dann ist es mit Europas Abschiebepolitik sowieso vorbei.

Nähme Berlin seinen Anspruch ernst, müsste es für die Bürger des Kosovo die Grenzen öffnen, statt es als gut verlöteten ethnischen Mülleimer zu missbrauchen. Deutschlands Balkanpolitik begibt sich mit dem "Rückführungsabkommen" auf das moralische Niveau der südafrikanischen "Homeland"-Politik in den 1970er Jahren: Man erfindet Staaten, um Menschen dorthin entsorgen zu können. Für die meisten Abschiebungskandidaten ist schon die Zuordnung zum Staat Kosovo reine Willkür. Sie haben von dort keine Papiere, sprechen die Sprache nicht und werden, wenn sie nicht zufällig mit Geburtsurkunden der Eltern und Großeltern aufwarten können, auch dessen Staatsbürgerschaft nicht bekommen. Roma gehören, so die Botschaft, weg - möglichst irgendwo nach Osten.

Pate bei dem sauberen Abkommen steht die Hoffnung, Deutschland möge vom Schmutz und Elend des Balkan rein bleiben. Das Gegenteil wird eintreten: Beim Versuch der Säuberung beschmutzt man sich selbst - eine Erfahrung, die gerade die Balkan-Gesellschaften gemacht haben.

Autor:  Norbert Mappes-Niediek
Datum:  22 | 4 | 2010
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