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14. November 2012

Analyse: Schwindsucht der Rohstoffe

 Von Joachim Wille
Braunkohletagebau Schleenhain bei Borna. Foto: dpa

Bei der Nutzung fossiler Energien lebt die Welt über ihre Verhältnisse. Wissenschaftler fordern den Subventionsstopp für den Rohstoffabbau.

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Tablet-Computer und Smartphones sind Verkaufsrenner, aber sie haben einen Nachteil. Bei vielen Modell kann man die Akkus nicht mehr selbst wechseln. Das merken die Kunden erst, wenn die Batterien nach ein paar hundert Ladezyklen schlapp machen. Die Geräte zum Hersteller einzuschicken, ist ein teurer Spaß, es werden bis zu 100 Euro fällig. Viele verzichten darauf. Und die Elektroschrott-Halde wächst unnötigerweise weiter.

Der Chef des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, hat mit seiner Forderung nach einem Verbot dieser Lösung – und für eine bessere Recyclingfähigkeit aller Elektronikgeräte – für Furore gesorgt. Die Sache mit den Akkus aber ist nur ein Beispiel. Denn der Ressourcenverbrauch in den Industrieländern ist insgesamt hoch. Hier ist es doch offensichtlich: Der Nutzen der elektronischen Tausendsassas wäre bei der intelligenteren Lösung – die früher bei Handys ja Standard war – um keinen Deut geringer. Trotzdem bauen die Hersteller die Verschwendung serienmäßig ein.

Die Welt lebt über ihre Verhältnisse

Jedermann weiß inzwischen, dass die Welt bei der Nutzung fossiler Energie über ihre Verhältnisse lebt. Die Folgen sind bereits unübersehbar. Seit Jahren tauscht man sich auf Weltklimagipfeln darüber aus, wie die Folgen beherrschbar gestaltet werden können. Dass bei den anderen Rohstoffen – von Baustoffen über Metalle und seltene Erden bis Biomasse – eine mindestens ebenso große Krise im Anzug ist, dringt dagegen kaum ins allgemeine Bewusstsein.

Dabei bedroht der zu hohe Ressourcenverbrauch mittelfristig den Wohlstand in Industrieländern, besonders in der EU, die rund 70 Prozent der Rohstoffe importiert. Schon heute sind einzelne Rohstoffe sehr teuer geworden. Kupfer zum Beispiel kostet dreimal so viel wie in den 1990er-Jahren. Es ist absehbar: Viele Ressourcen dürften in den nächsten Jahren und Jahrzehnten extrem knapp und kaum mehr bezahlbar werden, wenn die Industriestaaten ihren Verbrauch nicht senken und Schwellenländer wie China und Brasilien alles daran setzen, zum Lebensstandard der reichen Regionen aufzuschließen.

Weltweit werden heute pro Jahr bereits rund 60 Milliarden Tonnen nicht-erneuerbare Rohstoffe wie Energieträger, Erze, Baustoffe und Industriematerialien verbraucht. Das sind 50 Prozent mehr als vor 30 Jahren. In Deutschland beträgt der Pro-Kopf-Umsatz aller Ressourcen inklusive Biomasse 73 Tonnen pro Jahr, in den USA sogar 86. Selbst im Boom-Land China sind es erst 23 Tonnen, in einem armen Staat wie dem afrikanischen Mali gar nur neun. Es liegt auf der Hand: Man bräuchte mehrere Planeten Erde, damit alle sieben – und bald neun bis zehn – Milliarden Erdenbürger auf deutschem oder US-Ressourcen-Niveau leben können.

Umweltforscher haben ausgerechnet: Der Rohstoffverbrauch in den Industriestaaten muss bis 2050 auf ein Zehntel („Faktor 10“) sinken, um die Stabilität der Ökosysteme nicht zu gefährden und den armen Ländern eine Chance für Armutsbekämpfung und mehr Wohlstand zu geben. Das vor 20 Jahren vom damaligen Vizepräsidenten des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, Friedrich Schmidt-Bleek, entwickelte „Faktor“-Konzept für höhere Ressourceneffizienz hat sich vor allem in der EU und Japan inzwischen durchgesetzt – freilich nur in der Theorie. Die EU-Kommission hat eine „Ressourcen-Roadmap“ beschlossen, die Bundesregierung ein Programm zur Ressourceneffizienz („ProgRess“), Japan die Initiative „3R“ (reduction, reuse, recycle).

Ambitionierte Versionen

Es sind ambitionierte Visionen. Allerdings fehlen bisher durchschlagende Instrumente, um die nachgewiesenermaßen technisch machbare Dematerialisierung von Produkten und Dienstleistungen konkret durchzusetzen. Es gäbe zahlreiche Hebel, um hier voranzukommen: Vorschriften für ökotaugliche Elektronik gehören dazu, ebenso verbindliche Recyclingquoten oder eine breit angelegte Beratung von Unternehmen zu ökologisch „schlanken“ Produktion. Am wichtigsten aber: Die Rohstoff-Preise müssen „die ökologische Wahrheit sagen“, das heißt: die Knappheit der Ressourcen und die von ihrer Nutzung verursachten Umweltschäden abbilden.

Eine Gruppe von Umweltforschern um Schmidt-Bleek und den Club-of-Rome-Vorsitzenden Ernst Ulrich von Weizsäcker hat jetzt in Berlin anlässlich einer Tagung des Umweltbundesamtes zum Thema Ressourceneffizienz einen Appell an die Regierungen verabschiedet. Sie werden aufgefordert, die weltweit jährlich Hunderte Milliarden Euro schweren Subventionen abzubauen, die etwa für fossile Energien, den Rohstoffabbau oder eine nicht nachhaltige Landwirtschaft ausgegeben werden. Außerdem empfahlen die Experten, das Steuersystem ökologisch umzubauen. Der Ressourcenverbrauch müsse höher belastet werden, um die Arbeitskosten senken zu können. Das zielt auf eine modernisierte Neuauflage der ökologischen Steuerreform. Ergebnis wäre eine allmähliche, aber langfristig verlässliche Rohstoff-Verteuerung, die Unternehmen und Kunden in die richtige Richtung lenkt.

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