Offiziell geht es um die Mitgliedschaft in einem exklusiven Klub. Schon der Status des Kandidaten wird Beitrittswilligen verliehen wie ein Orden. Aber wer sich die Umstände der neuesten EU-Kandidatur näher anschaut, lernt schnell: Serbien und die Union brauchen einander. Gestritten wird nur noch über die genauen Modalitäten.
Belgrad, das gestern offiziell seine Bewerbung um die EU-Mitgliedschaft abgegeben hat, hat gar keine Wahl. Der Weg der Isolation unter Slobodan Milosevic, begleitet von vagem Schielen nach Moskau, hat das Land ins Elend geführt. Das wusste auch Vojislav Kostunica, sein Nachfolger. Mit dem prallen Selbstbewusstsein aber, mit dem der letzte Nationalserbe der EU gegenübertrat, kam er nicht weit. Der Sog nach Westen blies auch Kostunica weg.
Europa ist Serbiens letzte Option. Alles, was es noch zu verteidigen hat, ist ein bisschen Würde, wie man sie auch in der Union jedem Mitgliedsland zugesteht. Den hat es, zum Glück: Anders als die meisten Kleinstaaten der Region traut Serbien sich, den frechsten Investoren und ihren politischen Fürsprechern in den westlichen Regierungen von Zeit zu Zeit Einhalt zu gebieten. Wenn Belgrad etwa dem Treiben westlicher Banken Grenzen setzt, so beweist es damit mehr EU-Reife als die Nachbarn, die sich den Reichen bereitwillig unterwerfen.
Dass Europa auch Serbien braucht, hat es gleich nach dem Sturz des unseligen Slobodan Milosevic im Oktober 2000 klargemacht. Serbien ist der volk- und traditionsreichste Staat der Region und liegt wie ein Sperrriegel quer über dem Balkan.
Deutschland, Italien und Österreich hätten dem einstigen Feindstaat deshalb am liebsten gleich alle Bedingungen erlassen, die sie bei den anderen noch eingefordert hatten. Das war unfair, aber richtig. Ernsthaft Bedingungen könnte man Ländern auf dem Weg in die Gemeinschaft nur dann stellen, wenn man bei deren Nichterfüllung auch die Folgen tragen wollte.
Aber die Konsequenz, ein isoliertes, verarmtes und womöglich aggressives oder kriminelles Serbien,will niemand. Schwedens Balkan-erfahrener Außenminister Carl Bildt, der sich sehr für Serbiens Antrag ins Zeug gelegt hat, hat das verstanden. Am wenigsten begriffen haben es die Niederlande, die aus einer Mischung von Moralismus und Angst vor dem Osten die Annäherung Serbiens an die EU bislang verzögert haben.
Angela Merkel und Nicholas Sarkozy mögen sicher weiter skeptisch geben. Folgen hat das, wie man sieht, keine. Die durchaus rationale Furcht vor einem großen Bankenkrach in Osteuropa, der die deutsch-österreichische Hypo Alpe Adria ihre Rettung verdankt, weist exakt in die andere Richtung: auf rasche Integration.
Für die hurtige Aufnahme Serbiens sprechen die wirtschaftliche Verflochtenheit der Region und die Stabilität Bosniens. Schon die Verleihung des Kandidatenstatus bringt Belgrad den Zugang zu drei weiteren sogenannten Vorbeitrittsfonds der EU, umgerechnet 250 Millionen Euro jährlich. Das Geld ist gut angelegt.
Dass der Kriegsverbrecher Ratko Mladic noch nicht gefangen und der Status des Kosovo noch ungelöst ist, spricht nicht gegeneine rasche Integration Serbiens. Die wichtigste Ressource zur Lösung des einen wie des anderen Problems ist guter Wille. Den erreicht man nicht, indem man Bedingungen stellt.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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