Die Titelsucht ist ein uraltes Leiden; denn der Doktor oder Professor ziert ungemein und fördert die Reputation. Dabei war es außerhalb des Wissenschaftsbetriebs schon immer unerheblich, mit welchem Thema und wie viel Mühe die akademischen Weihen erworben wurden: Ob mit einer Dissertation über "Penisverletzungen beim Onanieren unter Zuhilfenahme eines Staubsaugers", was in den 1970er Jahren ein Urologe untersuchte, ob mit "Chaos und Unternehmenskrisen", wie 1991 der heutige nordrhein-westfälische FDP-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart, oder wie 1958 Helmut Kohl, der spätere CDU-Bundeskanzler, mit einer Analyse der Parteien in der Pfalz. Am Ende zählt, was hinten rauskommt.
Wenn jetzt 100 Hochschullehrer bundesweit unter Korruptionsverdacht stehen, weil sie Doktorhüte gegen Bares vergeben haben sollen, dann ist das ein veritabler Skandal. Aber keineswegs ein neuer. Insofern wirkt auch das Entsetzen über den Sittenverfall im akademischen Betrieb, das von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) über den Hochschulverband bis zur Hochschulrektorenkonferenz reicht, ziemlich schal. Das Geschäft mit der Eitelkeit blüht schon lange, und das nicht mal im Verborgenen.
Promotionsberater tummeln sich im Netz, bieten ihre Dienste an, weil der Doktortitel der Karriere auf die Sprünge hilft, sei es für den Aufstieg in die Führungsetage oder zur Absicherung der eigenen Arztpraxis, die ohne den Dr. am Türschild nicht gut läuft. Die Investition in die Promotionshelferlein (zwischen 4000 bis 20.000 Euro pro Vermittlung) zahlt sich aus. Schon der Titel (nicht der Mehrwert an Wissen) kann nach Schätzungen von Unternehmensberatungen bis zu 15.000 Euro im Jahr zusätzlich einbringen.
Das Ganze ist für den Promovierenden nicht einmal illegal, so lange er seine Arbeit selbst verfasst. Genau hier beginnt die Grauzone: Muss ein Banker, der neben dem Vollzeitjob seine Dissertation vorantreibt, die Literatur selbst suchen oder darf er jemanden damit beauftragen? Darf ein Arzt empirische Daten eines befreundeten Mediziners übernehmen und darauf die eigene Doktorarbeit aufbauen, weil es ganz schnell gehen muss mit der Promotion?
Fachleute beklagen seit langem, dass die Promotionsverfahren an den Hochschulen nicht transparent genug sind, weil jeder Doktorvater sein eigenes Süppchen kocht. Graduiertenschulen, wie sie unter anderem im Rahmen der Exzellenzinitiative gegründet wurden, könnten Abhilfe schaffen. Doch die kompetente Betreuung von Doktoranden kostet erstens Geld und gilt zweitens vielen Dozenten als zu zeitaufwendig und wenig prestigeträchtig - es sei denn, die Nachwuchswissenschaftler beschleunigen mit ihrer Forschung auch die Karriere des Doktorvaters.
Den Schatten-Markt für den Titelhandel wird jedoch kein noch so transparentes Verfahren an den Hochschulen austrocknen. Das können höchstens die Gerichte mit angemessenen Strafen. Oder eine Gesellschaft, die auch dem kompetenten Zahnarzt ohne "Dr." etwas zutraut, die nicht mehr vor dem Professor buckelt und beim Adelstitel die Fassung behält.
Letzteres kann man übrigens nicht direkt kaufen, aber über Umwege (Adoption gegen Bares) erwerben. "Diskret und zuverlässig", wie einschlägige Vermittlungsagenturen versprechen. Erfolg garantiert!

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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