Er kann das wirklich gut. Mit fast 82 Jahren beherrscht Jean-Marie Le Pen die politischen Spielregeln aus dem Effeff. Der Anführer der rechtsradikalen Nationalen Front hat in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d´Azur am Sonntag 20,3 Prozent der Stimmen erzielt und gemeinsam mit Tochter Marine, der Vizechefin der FN, die Partei landesweit auf 11,4 Prozent hinaufkatapultiert. Ein Prozentpunkt mehr, und die Rechtsradikalen hätten die Grünen überflügelt und wären hinter Sozialisten und Rechtsbürgerlichen die drittstärkste Kraft im Lande.
Aber Le Pen tritt nicht etwa mit Siegerlächeln vor die Fernsehkameras. Der Mann, der um die Opfer von Globalisierung, Kriminalität und Immigration geworben hat, präsentiert sich auch in der Stunde des Triumphs als einer der Ihren, als Opfer eben. Le Pen streckt eines seiner Wahlplakate in die Höhe. "Zensur" steht in dicken Lettern darauf, eine Anspielung auf einen Gerichtsbeschluss. Marseiller Richter haben das Plakat als fremdenfeindlich und rassistisch verboten. Es zeigt die französische Landkarte unter einer algerischen Flagge, gespickt mit raketengleichen Minaretten. Und als sei die Angst vor dem Islam damit nicht schon genug geschürt, hat die FN auch noch eine pechschwarze Burka-Trägerin abgebildet. Le Pen wettert über den Staat, über "die da oben", die dem kleinen Mann den Mund verbieten. Erst dann stellt er fest, dass sich die totgesagte Front rundum gesund zurückgemeldet hat.
Die Gründe für das Comeback sind vielfältig, der Erfolg hat viele Väter. Ein unfreiwilliger ist darunter: Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy. Er hatte eine Neuauflage seines Coups von 2007 geplant. Bei den Präsidentschaftswahlen war es Sarkozy damals geglückt, die Themen der Rechten zu besetzen und deren Klientel zu sich herüberzuziehen. Erfolgreich empfahl sich der rechtsbürgerliche Hoffnungsträger als der bessere Le Pen. Diesmal allerdings galt er als der schlechtere Le Pen.
Wieder trat Sarkozy als hemdsärmeliger Kämpfer gegen Kriminalität und illegale Einwanderung ins Rampenlicht. Auch wies der Staatschef die Präfekten an, eine auf mehrere Monate angelegte öffentliche Debatte über Frankreichs nationale Identität zu organisieren. Doch diejenigen, die sich nicht nur als Opfer von Überfremdung erleben, sondern auch unter der Wirtschaftskrise leiden, hatten dem Präsidenten längst enttäuscht den Rücken gekehrt. Anders als erhofft, hat Sarkozy in der globalen Krise keinen Schutz geboten. Die Arbeitslosigkeit ist auf zehn Prozent gestiegen. Und so sind die Enttäuschten eben zur Nationalen Front zurückgekehrt.
Wobei Marine Le Pen, inspiriert von den Erfolgen niederländischer und Schweizer Gesinnungsgenossen, die FN auch als Bollwerk gegen den Islam anpreist. Entschlossen hat die 41-Jährige die Debatte über Frankreichs Identität zur Ausgrenzung derer genutzt, die die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes bilden. Sie wetterte gegen Schnellrestaurants, die Hamburger mit dem Halal-Fleisch füllen, das von Tieren stammt, die nach islamischem Ritus geschlachtet wurden. Sie warnte vor dem Bau weiterer Moscheen, als bedrohten die Gotteshäuser das Abendland.
Dazu, in einer Region die Regierung zu stellen, reicht die Kraft der wiedererstarkten Nationalen Front zwar nicht aus. Aber dazu, das gesellschaftliche Miteinander noch schwieriger zu machen, allemal.
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