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Analyse: Überfall der Journalisten

Die Berichterstattung über den Amoklauf sprengt jedes Maß. Medien, die sonst immer Antworten geben, halten das Unerklärliche nicht aus. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Die Kameraobjektive sind noch immer auf die Klassenzimmer gerichtet. Doch das Entsetzen in den Gesichtern der Schüler ist dem Ausdruck artikulierter Abwehr gewichen. Lasst uns in Ruhe, steht auf handgeschriebenen Schildern, die an die Fenster geheftet sind. Keine Interviews mehr. Knapp eine Woche nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule herrscht noch immer Ausnahmezustand in der schwäbischen Provinz. Doch an die Stelle von Sprachlosigkeit über die Tat ist nun die Wut über die kommunikative Belagerung getreten. Es ist eng in Winnenden, und aus der Wagenburg aus Übertragungswagen gibt es kaum ein Entrinnen.

Die Zuversicht, dass hinsichtlich der medialen Aufbereitung von Schreckensmeldungen Lehren aus den Schulkatastrophen von Erfurt, Emsdetten und anderswo gezogen worden sein könnten, wurde in Winnenden enttäuscht. Das Rattenrennen um die schnellste Information und die Zugänge zum Geheimnis des Bösen hat sich beschleunigt. Rasend verbreiteten sich Twitter-Meldungen unmittelbar nach den ersten Schüssen, und verwackelte Handybilder vom sterbenden Täter gingen alsbald über die einschlägigen Online-Portale. Bei der Wahl der Bilder entscheidet nicht mehr die Tiefenschärfe.

Eine neue Generation weitgehend privat genutzter Informationsmedien strömt nahezu ungelenkt auf die öffentliche Wahrnehmung zu. Unscharfe Bilder steigern noch das Gefühl von Authentizität und Echtzeit. Die Nachrichten aus Winnenden und die Art und Weise ihrer Übermittlung stellen eine neue Schaltstufe des entwickelten Katastrophenjournalismus dar, der dabei ist, seinen institutionellen Rahmen zu verlassen.

Wer jetzt nach journalistischer Etikette oder gar Medienethik ruft, verkennt die Dynamik, der die neuen Informationstechnologien unterliegen. In einer Medienmaschinerie, in der jeder Sender und Empfänger ist, gibt es keinen Knopf zum Abschalten mehr. Die Ereignisse von Winnenden sind so überwältigend, dass ein kühler Druck auf die Austaste denn auch keine rechte Alternative wäre. Bei allem Verdruss über die gestörte Trauer und die mangelnde Seriosität der Berichterstattung darf nicht übersehen werden, dass es ein starkes Bedürfnis nach einem gesellschaftlichen Austausch über Angst und Schrecken gibt. Der gesteigerte Nachrichtendruck verdeckt bisweilen eine seelsorgerische Funktion, die in nicht wenigen Kommunikationsprozessen mitschwingt. Die forcierte Suche nach einem Tatmotiv folgt nicht zuletzt einem inneren Drang nach Entlastung. Die Unerträglichkeit der Morde wird noch gesteigert durch die Leerstelle einer hinreichenden Erklärung. Medien, die es gewohnt sind, auf alles eine Antwort zu geben, halten es nicht aus, ganz ohne dazustehen. Schon deshalb werden scharenweise Experten einvernommen, von denen man sich jedoch enttäuscht wieder abwendet, wenn diese mangels genauerer Kenntnis des Falls ihre Ratlosigkeit eingestehen.

Das Wenige, was man über Amokläufe an unseren Schulen weiß, zeigt, dass es keine monokausalen Erklärungen für sie gibt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn besonnene Medienkompetenz künftig auch daran gemessen wird, wie Informationen geordnet, gefiltert und aufbereitet werden.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  17 | 3 | 2009
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