Angela Merkel könnte sich eine Fortsetzung der großen Koalition vorstellen. Sie darf es nur nicht sagen. Steinmeier geht es ähnlich. Das würde die Basis verschrecken und viele Wähler demobilisieren. Von Karl Doemens
Karl Doemens leitet das Berliner Büro der Frankfurter Rundschau.
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War das nun endlich der "Durchbruch" für die chronisch schwächelnde SPD, wie deren Chef Franz Müntefering demonstrativ verkündet? Oder doch eher das "Platzpatronen-Duell", das FDP-Chef Guido Westerwelle sarkastisch vorausgesagt hat? Die Antwort hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Viel schlauer aber, das wird man festhalten müssen, sind die Zuschauer durch das 90-minütige Einheitsprogramm von ARD, ZDF, RTL und Sat 1 am Sonntagabend nicht geworden.
Das liegt nicht nur daran, dass die Inhalte viel zu flüchtig gestreift wurden, um einen echten Erkenntnisgewinn zu ermöglichen. Größer ist das Paradox, dass keiner der beiden Kontrahenten nach dem 27. September alleine regieren können wird, sich beide aber so gerieren. Nach allen Regeln der demoskopischen Wahrscheinlichkeit brauchen sowohl Angela Merkel wie auch Frank-Walter Steinmeier auf jeden Fall einen oder gar zwei Partner. Offiziell strebt die CDU ein Bündnis mit der FDP an. Der SPD eröffnet allenfalls eine Ampel-Koalition mit FDP und Grünen die Chance auf den Einzug ins Kanzleramt.
Doch offensiv und engagiert warb keiner der beiden Kanzler-Anwärter für den politischen Wechsel in Berlin. Es gehe vor allem darum, die Union stärker zu machen, postulierte Merkel. Und Steinmeier begründete wortreich, weshalb Schwarz-Gelb verhindert werden müsse. Von eigenen Machtoptionen sprach er wenig.
Bemerkenswert ist die Zurückhaltung vor allem bei der Kanzlerin. Natürlich hat Angela Merkel gute taktische Gründe, das "schwarz-gelbe Projekt" nicht plakatieren zu lassen. Schließlich hat sie selbst die Union in den vergangenen vier Jahren äußerlich sozialdemokratisiert. Ein demonstratives Werben für eine wirtschaftsfreundliche Reformkoalition mit Guido Westerwelle käme bei der Mehrheit der Bevölkerung gar nicht gut an und würde unentschlossene Wähler auf den letzten Metern doch noch motivieren, ihr Kreuzchen sicherheitshalber bei der SPD zu machen.
Politiker im Wahlkampf
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Wer als schillernder Wirtschaftsminister Schlagzeilen macht, der kann keinen mausgrauen Wahlkampf führen. Karl-Theodor zu Guttenberg.
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Jede Stimme zählt, auch die einer Nostalgie-Schaufensterpuppe im Museum einer Supermarkt-Kette. Eine Kanzlerin auf Wohlfühltour: Angela Merkel (rechts)
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Wahlkampf kennt keine parteiideologischen Grenzen. Renate Künast zu Gast bei BMW. Der bayrische Autobauer ist bislang nicht durch seine ambitionierte Fahrradproduktpalette aufgefallen. macht aber nichts.
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Man kann die Nähe zur nicht immer heißgeliebten Automobilindustrie sogar noch auf die Spitze treiben. Renate Künast im BMW-Overall auf einen Fototermin im Grünen.
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TV-Duelle gehören mittlerweile zum Standardrepertoire für Politiker im Wahlkampf. Oskar Lafontaine macht selbst beim Pudern eine gute Figur.
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Auch das ist eine alte Binsenweisheit im Wahlkampf. Kinder und Tiere sind am wahlabend für fünf bis sechs Prozent gut. Mindestens. Kanzlerin Merkel genießt das Bad in der Menge.
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Ein einfacher Arbeiter, der zupacken kann. Helm und Schutzweste, im Hintergrund eine Hütte, eine Werft oder Baustelle. So zeigen sich Politiker in schöner Regelmäßigkeit. Doch die Details könne die wahre Herkunft nicht verbergen, wie der Krawattenknoten von Frank-Walter Steinmeier
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Zu jeder Uhrzeit, an jedem Ort, bei jedem Wetter. Politiker im Wahlkampf, wie Angela Merkel, kennen keinen Schmerz. Es gibt auch kein schlechtes Wetter - nur schlechte Kleidung.
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Die Bier- und Weinlobby in Deutschland ist groß und mächtig. Die Vorlieben der Wähler sind bekannt. Ein Kandidat, hier Frank-Walter Steinmeier, ohne Wahlkampffoto mit Weinglas, Bierkrug oder -flasche im Anschlag wäre undenkbar.
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Wahklkampf ist überall. Und sei es in den Filmstudios Babelsberg in Potsdam. Hier: Frank-Walter Steinmeier am Filmset der Disney-Produktion "Hexe Lilli 2". Eine Gastrolle ist übrigens nicht geplant.
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Handwerk hat goldenen Boden. Die Stimmen der bundesdeutschen Bäckerinnung sind Karl-Theodor zu Guttenberg sicher. Ein kräftiger Bizeps auch.
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Unverzichtbar: Volksnähe. Wer sich, wie Guido Westerwelle, nicht beim lockeren Spaziergang mit dem Wahlvolk zeigt, ist am 27. September ohne Chance. Wichtig auch: Legere Kleidung. Man beachte den Pullover.
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Im Rampenlicht kommt es immer auf die richtige Pose an. Für Karl-Theodor zu Guttenberg heißt das auf einer CSU-Veranstaltung. Am Rednerpult nur mit Steinkrug.
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Als notorisch pressescheu gelten Politiker von Natur aus nicht. Doch im Wahlkampf gibt es auch keine Privatsphäre mehr. Auf einen Kaffee mit Oskar Lafontaine.
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Ohne die richtige Wahlkampfkarosse geht im Jahr 2009 nichts mehr. Auch Jürgen Trittin weiß um die Vorteile. Dank Kleinbus sind mindestens zwei Marktplätze mehr pro Tag locker zu erreichen.
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Immer wichtiger im Wahlkampf werden die Partner der Politiker. Selbst gleichgeschlechtliche Beziehungen sind kein tabu mehr, sondern bringen Sympathiepunkte. Hier die glücklichen Guido Westerwelle und Michael Mronz.
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Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier zwei Wochen vor der Wahl (13.09.2009).
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Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle (v.l.), Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl 2009, und der Parteivorsitzende der Linken, Oskar Lafontaine beim TV-Dreikampf (14.09.2009).
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Angela Merkel auf ihrer Wahlkampftour im Rheingold-Express in Frankfurt am Main (15.09.2009).
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SPD-Kundgebung mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Erfurt (15.09.2009).
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Am 27. September ist Bundestagswahl. Jede Stimme zählt. Deshalb reisen die Spitzenkandidaten kreuz und quer durch die Republik. Kein Marktplatz ist zu klein, kein Fototermin zu unwichtig. Die Frankfurter Rundschau begleitet die Wahltour in Bildern. Imagepflege ist dabei zum Beispiel ganz wichtig. Der gute Sozialdemokrat kennt keine Schranken im Kopf. Im Wahlkampf ist nicht nur alles erlaubt, es wird auch alles toleriert. Der Vorsitzende der SPD, Franz Müntefering, spricht in Berlin zu den Gästen des "schwul-lesbischen Talks".
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Fotostrecken Politik
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Linkspartei in der Krise
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Merkels kühle Distanz zur FDP aber wirkt mehr als taktisch. Schwach waren die Gründe, die sie am Sonntag für den Partnerwechsel anführte: Mehr Bürokratieabbau - das steht in jedem Koalitionsvertrag. Mehr Forschungsfreundlichkeit - das würde an der SPD kaum scheitern. Bleibt die Steuerreform. Lautlos entlastet die große Koalition die Bürger zum Jahreswechsel bei der Absetzbarkeit der Krankenkassenbeiträge um schlappe zehn Milliarden Euro. Da will Merkel wegen einer weiteren Reduzierung um 15 Milliarden Euro, die kaum finanzierbar ist, die schwarz-rote Ehe beenden? Das überzeugt niemand, zumal die Kanzlerin in einem Nebensatz kurzerhand erklärt, die weitreichenderen Pläne der FDP seien "nicht verkraftbar". Soviel zur schwarz-gelben Einigkeit.
Keine Frage: Wenn es das Ergebnis am Wahlabend hergibt, wird Merkel ein Bündnis mit der FDP schmieden. Doch ihre Leidenschaft dafür ist ähnlich groß wie die von Steinmeier, ausgerechnet mit der verteufelten Deregulierungspartei in einer Ampel-Koalition zu sitzen. Letztlich, das bleibt als Eindruck des höflichen Fernsehduells, wären beide Politiker gar nicht so unglücklich, wenn sie weiter miteinander koalieren könnten. Doch der Gedanke daran würde ihre Basis verschrecken und viele Wähler demobilisieren. So konnte man beim TV-Duell manches erfahren, aber das Wichtigste blieb unausgesprochen.