kalaydo.de Anzeigen

Analyse: Verlogene Exit-Strategie

Die Bundesregierung baut die Afghanistan-Konferenz zum Popanz auf. Merkel geht es nur noch darum, ohne Gesichtsverlust abzuziehen. Von Steffen Hebestreit

Steffen Hebestreit ist Redakteur der FR in Berlin.
Steffen Hebestreit ist Redakteur der FR in Berlin.
Foto: FR

Die Kanzlerin spielt, einmal mehr, auf Zeit. Erst nach der Afghanistan-Konferenz am 29. Januar in London und im Lichte der Ergebnisse wolle die Bundesregierung darüber befinden, ob das Bundeswehrkontingent für Afghanistan erhöht wird. Angela Merkel (CDU) tut so, als müssen sie erst den Verlauf jener x-ten Konferenz abwarten, bevor sie ihre weitere Afghanistan-Strategie entwickeln kann.

Regierungsintern ist von einer nüchternen Bestandsaufnahme die Rede und von harten Bedingungen, die dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai in London diktiert werden sollten. Karsai müsse die Korruption im Land in den Griff kriegen und die Taliban. Man könne nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in Afghanistan die Drecksarbeit machen für einen Präsidenten, der offensichtlich unfähig sei.

Markig klingen diese Worte der außenpolitischen Novizen, die nun Deutschlands Rolle in der Welt mitprägen. Nüchterne Bilanz, harte Bedingungen, strikte Vorgaben. Es klingt, als müsse nur endlich "Zug" in die Sache kommen, damit das Kapitel Afghanistan schnell geschlossen werden kann.

Der Verweis auf die Londoner Konferenz ist allerdings verlogen. Denn die Bundesregierung tut dabei so, als müsse Karsai ein Land wie Belgien regieren oder Griechenland. Sein Einfluss reicht aber kaum über die Hauptstadt Kabul hinaus.

Die internationalen Truppen, mehr als 100.000 Soldaten, haben selbst größte Schwierigkeiten, die einzelnen Landesteile und Stammesgebiete unter Kontrolle zu halten. Und nicht Karsai, sondern die Nato gibt seit mehr als acht Jahren den Ton an in Afghanistan. Nicht allein Karsai, sondern die internationale Gemeinschaft versucht sich seit acht Jahren vergeblich, funktionierende Strukturen in Afghanistan aufzubauen. Wer harte Bedingungen stellt und strikte Vorgaben macht, der muss in London auch erklären, wie die Afghanen diese Vorgaben denn einlösen sollen.

Der Bundesregierung geht es in erster Linie gar nicht um Afghanistan selbst. Bei CDU, CSU und FDP grassiert die pure Angst, dass der Einsatz in Afghanistan noch unpopulärer werden könnte, als er ohnehin schon ist. Zwei Drittel der Deutschen sind bereits dafür, die Bundeswehr eher heute als morgen abzuziehen. Die Streitkräfte selbst ächzen unter der Last des Einsatzes, Tausende Kilometer von der Heimat entfernt - und leiden unter der fortgesetzten Debatte darüber, ob ihr Kommandeur in Kundus nun militärisch angemessen gehandelt hat oder nicht.

Auch in den Koalitionsfraktionen wächst das Unbehagen. Mehr und mehr Abgeordnete stellen den Nutzen eines deutschen Einsatzes in Frage und wollen von einer neuerlichen Aufstockung des Kontingents eigentlich genauso wenig wissen wie CSU-Chef Horst Seehofer.

Und so bauen Angela Merkel und Guido Westerwelle die Londoner Konferenz Stück für Stück zu einem Popanz auf. Der durchtriebene Karsai wird wider besseres Wissen Besserung geloben und Bedingungen akzeptieren, die er nie und nimmer einhalten kann. Und Deutschland wird noch einmal schweren Herzens Soldaten schicken.

Und wenn in zwei, drei Jahren klar wird, dass Karsai nicht einhält, was er versprochen hat, dann hat Schwarz-Gelb den Anlass, (enttäuscht) die Truppen abzuziehen. Eine Exit-Strategie mag das sein, doch verantwortungsvolle Außen- und Sicherheitspolitik sieht anders aus.

Autor:  Steffen Hebestreit
Datum:  9 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?