Erst am Montag hatten türkische Militärs bei der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates in Ankara gewarnt, die kurdische PKK werde ihren Terror auch in den Westen des Landes tragen. Keine 24 Stunden später bewahrheitete sich die Befürchtung: Gestern um 7.15 Uhr explodierte im Istanbuler Vorort Halkali eine ferngezündete Bombe neben einem vorbeifahrenden Bus. Er transportierte Soldaten der türkischen Streitkräfte und ihre Angehörigen. Mehrere Insassen wurden durch die Explosion getötet, darunter die 17-jährige Tochter eines Offiziers. Von zwölf Verletzten schwebten zwei in Lebensgefahr.
Der Anschlag trägt die Handschrift der PKK, die bereits vor zwei Wochen in Istanbul einen Polizeibus mit einer Bombe angegriffen hatte. Zu dem Anschlag bekannte sich die PKK-Untergruppe "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK). Mit dem gestrigen Attentat wurden allein in den vergangenen drei Tagen in der Türkei 18 Menschen bei Angriffen und Anschlägen der PKK getötet.
Noch vor einem Jahr schien eine friedliche Lösung der Kurdenfrage greifbar nahe: Die Regierung in Ankara lockerte die kurdischen Sprachverbote, erlaubte kurdische Fernsehsender, kündigte Milliardeninvestitionen in den verarmten Siedlungsgebieten der Kurden im Südosten an und versprach reuigen Rebellen der Guerillaorganisation PKK Straffreiheit. "Unser Volk will Einheit, Solidarität und Kooperation, nicht Tod und Blutvergießen", erklärte Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Doch der Friedensprozess, der hoffnungsvoll begonnen hatte, ist festgefahren, der Konflikt eskaliert. Kaum ein Tag vergeht ohne Anschläge der PKK und blutige Gefechte.
Türkische Militäranalysten interpretieren die Welle der Gewalt als Zeichen der Schwäche: Die PKK fühle sich durch Erdogans Friedenskurs in ihrer Existenz bedroht und habe immer weniger Zulauf. Mit den Anschlägen wolle sie diese Schwäche überspielen. Das klingt plausibel. Denn mit einer Friedenslösung würde die Rebellenorganisation überflüssig. Der militante Flügel der PKK, der jetzt die Oberhand zu gewinnen scheint, setzte daher seit jeher einzig auf den bewaffneten Kampf. Er ist längst zu einer Art Selbstzweck ohne politischen Inhalt geworden. Die Theorie, dass die PKK kurz vor dem Ende stehe, hat man von türkischen Militärs allerdings in den vergangenen Jahren immer wieder gehört, ohne dass sie sich bisher bewahrheitet hätte. Größte Sorge der Regierung ist nun, dass die PKK ihren Terror auf Urlaubsgebiete ausdehnt. Genau damit hatte die TAK erst am Freitag gedroht.
Auf die Terror-Offensive der PKK wollen Regierung und Militär jetzt mit einer neuen Strategie antworten: Die Geheimdienstarbeit soll intensiviert werden, und die in der Grenzregion zum Nordirak stationierten Truppen, die überwiegend aus Rekruten bestehen, werden mit erfahrenen Spezialsoldaten verstärkt. Zudem will sich die Türkei um eine engere Zusammenarbeit mit der Autonomieverwaltung im Nordirak bemühen.
Ob die neue Strategie gegen den Terror greift, muss sich zeigen. Eine Lösung der Kurdenfrage rückt damit jedenfalls nicht näher. Auch wenn Erdogan versichert, er werde an seiner Friedensinitiative festhalten, haben die Bemühungen um eine Beilegung des Konflikts einen schweren Rückschlag erlitten. Wenn es das gewesen sein sollte, was die PKK mit ihrer Anschlagsserie erreichen wollte, hat sie es geschafft.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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