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Analyse zu Nordkorea: Der globale Erpresser

Kim Jong Il lässt sich dafür bezahlen, dass er seine atomare Drohung nicht wahrmacht. Die Weltgemeinschaft muss dem Diktator zu Willen sein. Von Bernhard Bartsch

Bernhard Bartsch ist Chinakorrespondent der Berliner Zeitung.
Bernhard Bartsch ist Chinakorrespondent der Berliner Zeitung.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs erteilte Regisseur Stanley Kubrick der Welt eine Lektion in Galgenhumor. Sein Film "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" wurde zum Referenzwerk über den Wahnsinn atomaren Kräftemessens. Die Satire verriet in gewisser Hinsicht mehr über die Wirklichkeit als alle Zeitungsberichte. So grotesk die Geschichte und ihre Figuren - allen voran der altfaschistische Nuklearexperte Dr. Seltsam - auch sein mochten, so nah war das Ergebnis doch an der Realität des globalen Countdowns.

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il und Dr. Seltsam haben einiges gemeinsam: Das bizarre Auftreten und der abstruse Erlöserkult des "Geliebten Führers " können es mit jeder Filmerfindung aufnehmen. Doch Kim ist kein irres Genie, sondern ein skrupelloser Machtstratege, der ein Volk von 24 Millionen Menschen als Geisel hält, um das Überleben seines ausbeuterischen Regimes zu sichern. Mit seinem zweiten Atombombentest hat er nun demonstriert, dass er ernstgenommen werden will - ernstgenommen als Bedrohung. Etwas anderes hat er nicht zu bieten, weder der Welt noch seinem eigenen Volk.

Die Rolle des globalen Erpressers spielt Kim mit realpolitischer Bravour. Seit Jahrzehnten wiederholt er seine Ankündigungen, Nuklearwaffen bauen zu wollen. Denn wer aufrüstet, kann auch wieder abrüsten und sich dafür von der Weltgemeinschaft belohnen lassen, in Form von Öl, Hilfslieferungen und Devisen. Allerdings muss Kim jedes Mal ein wenig mehr von seinen Folterinstrumenten zeigen. 2006 testete er erstmals einen Sprengkopf und handelte hinterher im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche mit China, den USA, Südkorea, Japan und Russland eine Rekordentschädigung für das Versprechen aus, sich auf den Weg der Denuklearisierung zu begeben. Dass er diesen nicht weit gehen würde, war abzusehen, zumal da Experten schnell erkannten, dass sein atomares Drohpotenzial eher psychologischer als militärischer Natur war; denn der unterirdische Test entpuppte sich nur als Teilerfolg.

Ob Kim mit dem zweiten Test seinem Ziel, eine ernstzunehmende Nuklearmacht zu werden, näher gekommen ist, werden Spezialisten zu ermitteln versuchen. Weil auf ihre Erkenntnisse nur begrenzt Verlass ist, muss die Welt den schlimmstmöglichen Fall annehmen. Dieser besteht nicht einmal darin, dass Kim seine Bombe selbst einsetzen könnte. Weitaus dramatischer wäre die Gefahr, wenn Nordkorea seine Atomwaffen an andere Länder weitergeben würde.

Der Weltgemeinschaft wird erneut nichts anderes übrig bleiben, als auf Kims Forderungen einzugehen. Zwar wird der UN-Sicherheitsrat erneut mit Sanktionen drohen und vielleicht sogar einige Zwangsmaßnahmen beschließen. Doch über symbolische Akte wird das Engagement nicht hinausgehen. Denn nicht nur für Nordkoreas Schutzmacht China, sondern auch für Südkorea, die USA und Russland ist der Status quo noch das kleinste Übel. An einem Regionalkonflikt hat niemand ein Interesse.

So hat Kim gelernt, seine Atomwaffen als Lebensversicherung für sein Regime einzusetzen. Sie schützen ihn vor militärischen Angriffen von außen und versorgen ihn mit den notwendigen Ressourcen, um die Eliten bei Laune zu halten. Kein Wunder, dass Kim seine Bombe liebt.

Autor:  BERNHARD BARTSCH
Datum:  26 | 5 | 2009
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