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01. August 2012

Analyse zu Pussy Riot: Die Kirche hat das Nachsehen

 Von Christian Esch
Für ihre regierungskritische Performance in einer Moskauer Kathedrale droht zwei Mitgliedern von "Pussy Riot" eine langjährige Haftstrafe. Foto: dpa

Die russisch-orthodoxe Kirche wiederholt die Fehler der Zarenzeit. Die Anbiederung an den Kreml hat groteske Ausmaße angenommen.

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Im Chamowniki-Bezirksgericht von Moskau läuft die Zeit rückwärts. Aus dem Russland von heute, das sich als säkularen Staat definiert, fühlt man sich zurückversetzt in ferne Jahrhunderte; der süße Duft von Weihrauch und Scheiterhaufen scheint durch den Saal zu ziehen, fernes Glockengeläut hallt herein und der fröhliche Ruf „Kreuzige! Kreuzige!“

Im Gericht wird jungen Frauen der Prozess gemacht, die schon den fünften Monat in Haft sitzen und von ihren kleinen Kindern getrennt sind; und das, weil sie in der Christ-Erlöser-Kathedrale ein politisches Protest-Gebet skandiert hatten. Merkwürdige Fragen werden nun vor Gericht diskutiert. Zum Beispiel: Waren die Tanzbewegungen, mit denen die Feministinnen ihren Auftritt begleiteten, teuflisch? Und woher weiß man, wie Teufel tanzen?

Das Entsetzen über den Prozess ist groß

Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage ernsthaft auf ein Gutachten, das den drei Frauen unter anderem Verstöße gegen kanonische Vorschriften des 7. Jahrhunderts vorwirft. Die Trullanum-Synode von 691 nach Christus verbiete es, in der Kirche „widernatürliche Schreie“ auszustoßen. Wer das liest, möchte selbst widernatürliche Schreie ausstoßen.

Wie um Himmels Willen kommt so ein Quatsch in eine Gerichtsakte? Werden in Russland bald auch die anderen 101 Regeln der Synode zum Gesetz erhoben? Etwa das Verbot, durchs Feuer zu springen, Kreuze auf die Erde zu malen oder jüdische Ärzte zu besuchen?

Das Entsetzen über den Strafprozess ist groß, selbst unter Menschen, die den dämlichen Auftritt der Pussy-Riot-Gruppe verurteilen. Nur einer kann sich freuen, scheint es: Die russisch-orthodoxe Kirche. Sie ist selbstbewusst wie nie, ihre Macht unangefochten. Man braucht ja nur um sich zu schauen: Neue Kirchen schießen aus dem Boden wie Pilze, statt vier Klöstern gibt es wieder achthundert, selbst die Luftlandetruppen haben aufblasbare Kapellen. Zu Epiphanias badet das fromme Volk in Eislöchern, und als der Gürtel der Gottesmutter vom Berg Athos nach Moskau gebracht wurde, stand es nächtelang Schlange.

Wie die Kathedrale, so ihr Patriarch

Patriarch Kirill hat den Tanz der Pussy-Riot-Frauen zum Teil einer kirchenfeindlichen Kampagne, einer regelrechten Christenverfolgung erklärt. Bis heute hat die Kirchenführung kein einziges barmherziges, mäßigendes Wort gefunden; sie hat den Pussy-Riot-Fall zur Kriegserklärung benutzt und scheut keine Menschenopfer.

Das ist ein verhängnisvoller Fehler, nicht bloß für die russische Gesellschaft, deren Spaltung sie vertieft, sondern für die Kirche selbst. Sie wirkt wie ein prächtiges Gehäuse ohne Inhalt. Die Christ-Erlöser-Kathedrale, unter Stalin gesprengt und in den Neunzigern wiederaufgebaut, ist das beste Beispiel.

Hinter den Marmorfassaden verbirgt sich ein Business-Zentrum, samt Parkhaus und Autowaschanlage. Nur sieben Prozent der Fläche, errechnete die Zeitung Nowaja Gaseta, sind dem Gottesdienst vorbehalten. Wie die Kathedrale, so ihr Hausherr. Das Patriarchat veröffentlichte jüngst ein Foto Kirills, das Gelächter hervorrief. Man hatte die teure Armbanduhr des Patriarchen wegretuschiert, aber deren Spiegelung auf der Tischoberfläche vergessen. Anders als sein Vorgänger Alexij II hat Kirill die Glaubwürdigkeit der Kirchenführung auf einen Tiefpunkt geführt. Er hat das Charisma eines Parteifunktionärs. Die Anbiederung an den Kreml hat groteske Ausmaße angenommen.

Die Kirche richtet sich selbst zugrunde

Aber nicht die Kirche wird als Siegerin aus diesem Gerichtsprozess hervorgehen, sondern Präsident Putin. Er kann Protestierer einschüchtern, ohne selbst als Partei aufzutreten – der Pussy-Riot-Auftritt wird ja als Angriff auf die Religion gewertet, nicht auf ihn. Die Kirche aber hat das Nachsehen. Indem sie den Staat als Werkzeug benutzen will, macht sie sich selbst dazu. Indem sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt, verspielt sie auch die Macht über die Herzen, jedenfalls über die der Gebildeten.

Es wäre nicht das erste Mal. Schon im Zarenreich hat die Kirche diese Macht verloren, weil sie als Teil des Herrschaftssystems auftrat, nicht als Institution eigenen Rechts und Anspruchs. Als 1910 Leo Tolstoi starb, der Schriftsteller und religiöse Denker, da zeigte sich mit einem Mal, dass seine Autorität in der trauernden Gesellschaft größer war als die der gesamten Kirche, die mit ihm verfeindet war. Ein Mann wog mehr als alle Priester.

Anders als im späten Zarenreich ist die Kirche heute formell eine eigenständige Institution, mit einem eigenen Patriarchen. Sie hätte die Freiheit, Kirche zu sein, wenn sie es denn wollte. Stattdessen richtet sie sich selbst zugrunde. Für die Gesellschaft ist das schmerzlich. Sie hat ja viel zu verlieren. Die goldenen Kuppeln der Kirchen sind oft das einzig Schöne, das in der hässlichen Wüste der postsowjetischen Provinz neu entstanden ist. Unter den durchweg jungen Priestern sind lebendige Männer, denen Christi Lehre wichtiger ist als die Gunst der Mächtigen. Und in der liberalen Elite sind viele, die einen Ort für Glauben und Gebet suchen. Aber der ist ihnen nun verschlossen.

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