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08. November 2012

Analyse zu Pussy Riot: Die schwierige Freiheit eines Christenmenschen

 Von Dirk Pilz
Die Mitglieder der russischen Punkband Nadeschda Tolokonnikowa (l) und Maria Aljochina. Foto: dpa

Ist die Protest-Aktion der russischen Punk-Band Pussy Riot preiswürdig? In den Lutherstädten wird erbittert über Glaube, Kirche, Staat und Macht gestritten.

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Am 10. November 2012 wählt eine Jury den neuen Träger des Lutherpreises „Das unerschrockene Wort“, am 13. April 2013 wird er in Eisleben überreicht. Es gibt diesen, von den Lutherstädten initiierten und heute mit 10.000 Euro dotierten Preis seit 1996, er wird alle zwei Jahre verliehen. Als Preisträger kommen Persönlichkeiten in Frage, die bereit waren oder sind, „für unerschrockenes Auftreten Unbill in Kauf zu nehmen“, so wie seinerzeit Martin Luther, der sich 1521 während des Reichstags zu Worms vor Kaiser Karl V verantworten musste. „Das unerschrockene Wort“ will demnach an jenen Satz Luthers erinnern, den er so zwar nie gesagt hat, aber gut zu ihm passt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Geehrt werden sollen also Menschen, die sich, eben wie Luther seinerzeit, mutig gegen politische und gesellschaftliche Missstände aussprechen und Zivilcourage beweisen.

Dieser Preis hat in der Vergangenheit wenige interessiert, vielen war er gar nicht bekannt. Das hat sich in diesem Jahr jedoch geändert, weil die Lutherstadt Wittenberg die Punk-Band Pussy Riot als Preisträger vorschlug. Die drei Bandfrauen führten am 21. Februar 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ein Punk-Gebet auf, um gegen die Allianz des Putin-Staates und der Orthodoxen Kirche unter Patriarch Kyrill I. zu protestieren. Sie wurden daraufhin wegen „Rowdytum“ angeklagt, zwei Frauen zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt.

Eben diese Entscheidung, Pussy Riots Auftritt, als preiswürdig für „Das unerschrockene Wort“ vorzuschlagen, hat für eine aufschlussreiche Diskussion gesorgt. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer sagte: „Ich finde die Kritik (von Pussy Riot, d. Red.) berechtigt, und solche Kritik muss erlaubt sein. Aber: Auch die Art muss stimmen. Die Art ist nicht preiswürdig, und der Ort der Kritik ist geschmacklos, er ist verletzend und kontraproduktiv.“

Mit Geschmacksfragen hat dieser Preis allerdings nichts zu schaffen. Denn über Geschmäcker lässt sich zwar streiten, aber keine Debatte führen. Auch Luthers zuweilen betont provokante Auftritte wurden seinerzeit als geschmacklos kritisiert, vor allem, um von ihrem eigentlichen Ziel abzulenken, nämlich Luthers Kritik am damaligen Zustand der Katholischen Kirche.

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Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler vertrat dagegen die Meinung, Jesus wäre an der Seite von Pussy Riot. Das bleibt bloße Spekulation und führt ebenfalls an der Sache vorbei – der Lutherpreis ist kein Jesuspreis. Er wird ausdrücklich nicht für besonders jesusgemäßes Handeln vergeben, das im Übrigen den Berichten des Neuen Testaments nach höchst widersprüchlich war, sondern für die Unerschrockenheit, gegen politische und gesellschaftliche Missstände aufzutreten.

Die Kernfrage der Debatte um diese Preisnominierung ist daher jene, wie sich christlicher Glaube und Staat, Kirche und Macht zueinander verhalten, worin also die politische Verantwortung einer christliche verstandenen Freiheit besteht. Gerade der deutsche Protestantismus hat nach dem teils verheerend unkritischen Verhalten gegenüber dem NS-Regime beste Gründe, sich an die 1934 verfasste Barmer Theologische Erklärung zu erinnern; sie ist bis heute maßgebend sowohl für das Verhältnis von Kirche und Staat als auch für die politische Verantwortung des einzelnen Christen. In der dritten These wird darauf verwiesen, dass die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und Ordnung nicht „dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen“ dürfe. Und in der fünften These heißt es, dass sich die Kirche nicht zu einem Organ des Staates machen lassen soll. Gleichwohl übt auch die Kirche Macht aus, und nie steht sie außerhalb des politischen Machtrahmens. Die protestantisch verstandene Freiheit besteht nicht darin, frei von politischen oder institutionellen Zwängen zu sein – eine derartige Freiheit gibt es nicht. Es ist vielmehr eine Freiheit, die sich in der noch nicht erlösten, also nicht göttlichen Welt jener Dialektik ausgesetzt sieht, die Luther in seiner Denkschrift über die „Freiheit eines Christenmenschen“ formulierte: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Diese Dialektik wird verfehlt, wenn man wie Schorlemmer den Pussy Riot-Auftritt zur Geschmacksfrage macht; und sie wird unterboten, wenn man den neutestamentlichen Jesus zum Vergleich heranzieht, wie Geißler es tat. Denn der Mensch Jesus war genauso dieser Dialektik ausgesetzt. Gerade weil Freiheit nach evangelischem Verständnis aber von Gott gestiftet wird, und gerade weil keine Kirche und kein Christ im luft- oder staatsleeren Raum lebt, dient Kritik an Kirche und Staat der Wahrung dieser Freiheit. Sie selbst ist auf eine Verheißung gegründet – befreit wird der Mensch einzig durch Gott und erst in der verheißenen Erlösungszukunft. Christliche Freiheit ist deshalb zwar nicht gegen den Staat gerichtet, aber gegen alle Tendenzen sowohl einer Kirche als auch eines Staates, sich zum Organ des anderen zu machen.

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