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16. April 2012

Analyse zu Salafisten: Zum Schaden des Koran

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Das Buch kann nichts dafür: In der Innenstadt von Hannover werden kostenlose Koran-Exemplare verteilt.  Foto: dpa

Die Salafisten wollen Demokratie und säkularen Rechtsstaat, Meinungs- und Religionsfreiheit abschaffen. Ihnen ist nichts heilig außer ihrer Verblendung.

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Das Buch kann nichts dafür. Ob ein aufgeklärter Muslim wie der Orientalist und Autor Navid Kermani den Koran als ästhetische Offenbarung würdigt oder ob Hassprediger ihn als Aufruf zum Vernichtungskrieg gegen die „ungläubigen Hunde“ deuten – der Text bleibt immer derselbe.

Das erfordert sorgfältiges Argumentieren von denen, die gegen die Ramschtische in den Fußgängerzonen deutscher Städte sind, an denen zurzeit der Koran unters Volk geworfen wird. Weder die Verteilung ist das Problem noch die kostenlose Weitergabe – diese Praxis kennen viele Hotelgäste von den Gideon-Bibeln in ihren Nachttischschubladen. Und erst recht ist der Inhalt nicht per se dazu angetan, den Verfassungsschutz auf den Plan zu rufen. Da gerät in der schlagwortartigen Verkürzung schnell etwas durcheinander.

Gefährlich sind vielmehr die Salafisten, die hinter der scheinbar harmlosen Aktion stecken: Unter „Mission“ versteht diese radikal-islamische Strömung letztlich die Abschaffung von Demokratie und säkularem Rechtsstaat, das Ende von Meinungs- und Religionsfreiheit. Grundlage ihrer Ideologie ist tatsächlich der Koran, aber in einer einseitigen, stumpfsinnigen, vernagelten Lesart. Sie gibt vor, den Koran authentisch, weil wörtlich zu verstehen. Aber gerade das verfälscht und tut einem übersetzungsbedürftigen, historisch bedingten Text die größte Gewalt an. Das zeigt ein kurzer vergleichender Blick in die Bibel: auch dort Unsinn und menschenfeindlicher Ungeist zuhauf, nimmt man alles buchstäblich.

Gefährliche Aktion

Spätestens seit dem heiligen Augustinus (354 bis 430 nach Christus), der auf himmlisches Geheiß zur Bibel gegriffen haben und durch die Lektüre bekehrt worden sein soll, gibt es auch in der christlichen Tradition eine sehr ursprünglich-persönliche Beziehung zur heiligen Schrift: Der einzelne Gläubige lässt sich von Gottes Wort ansprechen und betreffen. Mag sein, dass sich die Bonner Salafisten-Gruppe „Die wahre Religion“ listig an das berühmte augustinische „tolle, legge!“ – „nimm, lies!“ anhängen wollte, als sie ihrer Koranabwurfaktion den Titel „Lies!“ gab. Die Parallelität der Formulierungen legt zumindest eine ideelle Verwandtschaft nahe. Nur würde kein ernstzunehmender Theologe oder Seelsorger sagen, was die Salafisten von ihrem „Projekt“ behaupten: dass es Vorurteile abbaut und das allgemeine Verständnis des Islam verbessert. Das kann bei einer so fremden, literarisch disparaten und voraussetzungsreichen Textsammlung wie dem Koran nicht funktionieren.

Bester Beweis dafür sind Gegner des Islams, die mit isolierten Koranversen um sich werfen und damit Gewalttätigkeit, Rückständigkeit und Fundamentalismus als Wesenselemente der von Mohammed gestifteten Religion hinzustellen versuchen. Methodisch gleichen sie sich denen an, die sie zu bekämpfen vorgeben. Zitateklauben ist ebenso unverantwortlich wie Scheuklappenlektüre.

Wer freilich nach einem historisch-kritischen Instrumentarium „zum besseren Verständnis“ des Korans suchen sollte, nachdem er ihn von den Salafisten in die Hand gedrückt bekommen hat, wird bei diesen jedenfalls nicht fündig werden. Auch das macht deren Aktion so gefährlich: Sie gebärden sich als wohlmeinende Multiplikatoren einer heiligen Schrift, folgen aber nur ihrer höchst unheilvollen Ideologie.

Feinde der offenen Gesellschaft

Mit der zur Schau getragenen Unbedarftheit hat es ganz schnell ein Ende: Kritische Fragen oder Berichte von Journalisten genügen – und sofort setzt es Beschimpfungen und wüste Drohungen. Diese Freunde des Korans sind Feinde der offenen Gesellschaft. Zu ihr gehört die Mehrzahl der Muslime in Deutschland. Sie partizipieren ebenso selbstverständlich an den Freiheiten des Grundgesetzes wie die Anhänger anderer Glaubensrichtungen oder Religionslose. Der Islamismus in seinen diversen Spielarten bis zur Gewaltbereitschaft stellt für alle gleichermaßen eine Bedrohung dar. Die salafistischen Freunde des Korans sind darum auch Feinde der Muslime.

Ihre Camouflage-Taktik ist übrigens durch die muslimische Glaubenspraxis selbst leicht zu entlarven. Galt in früheren Zeiten schon die bloße Übertragung des arabischen Urtextes in andere Sprachen als Sakrileg, so behandeln die Muslime den Koran als Buch bis heute mit größter Ehrfurcht. Er gilt ihnen nicht nur als „heilige Schrift“, sondern ist für sie in etwa von der religiösen Qualität wie die Person Jesu für Christen. Wie groß – und irregeleitet – die Aufwallung nach einer „Entweihung“ des Korans sein kann, haben die US-Truppen in Afghanistan wiederholt erleben müssen.

Vor diesem Hintergrund sollte es also angeblich so korantreue Muslime nicht stören, dass ihr heiliges Buch zur wertlosen Massenware wird, dass es achtlos in Einkaufstaschen verschwindet und daheim im Altpapier zu landen droht? Nein, es ist wie immer bei Extremisten und Fundamentalisten: Ihnen ist in Wahrheit überhaupt nichts heilig – außer die eigene Verblendung und Verbohrtheit. Wenn die Koranverteilung dafür den Blick der Gesellschaft schärft, hat sie wenigstens einen – ungewollten – Erfolg.

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