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12. Juli 2009

Analyse zum Gerichtsmord in Dresden: Tödliche Mischung

 Von VIKTOR FUNK
Viktor Funk arbeitet in der Redaktion der Frankfurter Rundschau.  Foto: FR

Der Mord von Dresden sagt etwas über Mängel in der Integrationshilfe. Orientierungsverlust kann auch bei Migranten zu Rassismus führen. Das Thema gehört - wieder einmal - auf die Tagesordnung. Von Viktor Funk

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"Ich bin ein Russe im Sinn von Erziehung. Aber laut Blutprozent bin ich mindestens 50 Prozent ein Deutscher ... Ich bin in Deutschland seit drei Jahren ... Bis jetzt habe ich nur Scheiße von Türken gesehen, aber von Deutschen nur Angst ... Vielleicht ist es zu stark gesagt, aber wir sind Ihre besten Freunde in Kampf die Islamisierung. "

Die Zeilen stammen von einem Russlanddeutschen, nachzulesen auf der islamfeindlichen Internetseite PI-News. Sie sind so wenig repräsentativ für die große Mehrheit der rund drei Millionen Russlanddeutschen, die hier leben, wie der Hass des Mörders, der im Dresdner Landgericht die Ägypterin Marwa El-Sherbini erstochen hat. Beides ist aber Ausdruck einer latenten Islam- und Judenfeindlichkeit unter Teilen der Russlanddeutschen.

Diese Ressentiments sind nicht neu, gerade die für die Integration der Russlanddeutschen zuständigen Politiker wissen schon lange davon. Mag sein, dass sie das Thema auch hinter verschlossenen Türen ansprechen. Nötig aber ist eine offene Debatte und Kritik und erst recht die Forderung an die Verbände der Russlanddeutschen, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

Doch so willkommen der Union die sicheren neuen Wählerstimmen waren, so wenig gehörte das Thema Ausländerfeindlichkeit zum Förderunterricht und anderen Integrationsmaßnahmen. Die Ignoranz steht in einer schlechten Tradition. Wer jahrzehntelang leugnet - und das gilt nicht nur für die Union -, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist, wird sich des Themas nicht allein der Neubürger aus Russland wegen annehmen. Dabei sind es gerade die psychischen Auswirkungen der Migration, die Menschen für Radikalisierung und Fremdenhass empfänglich machen. Soziologen nennen das durchlebte Dilemma in Migrationsprozessen "Orientierungsverlust".

Immigranten, die ihr Leben bisher zumindest teilweise gemeistert haben, wissen von einen Tag auf den anderen kaum, wie man mit Beamten spricht, welche Rechte sie gegenüber Behörden haben und wie man im neuen Land nachbarschaftliche Konflikte löst. Das Abenteuer Alltag ist vor allem ein einziges Missverständnis, das das Selbstwertgefühl Stück für Stück auffrisst. Einige, die unter diesem Verlust leiden, suchen einen Ausweg in Wut, Zorn und manchmal Hass.

Dieser Zorn wendet sich gelegentlich gegen das Alte, das nun verteufelt wird, um das Neue suggestiv aufzuwerten. Manchmal schlägt der Hass gegen das neue Land um, weil man es nicht als das gelobte erlebt, das man sich erträumt hatte. Manchmal gibt man die Schuld für Schwierigkeiten den anderen, die nicht "deutsch" sind, die man als Bedrohung empfindet, die sich nicht so verhalten, wie man sich als "Deutscher" angeblich verhalten müsste. Und manchmal mischt sich dieser Zorn mit der Islamophobie, die sich - nicht nur - in Deutschland ausbreitet. Und in Deutschland nicht nur unter Russlanddeutschen.

Wenn es eine Lehre aus der Tat in Dresden gibt, dann die: Das Thema Integration gehört - wieder einmal - auf die Tagesordnung. Über eins muss man sich dabei klar sein: Alle Migranten, auch die Russlanddeutschen, brauchen mehr Hilfe bei der Integration und vor allem Aufklärung darüber, dass Deutschland ein Land vieler Kulturen ist.

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