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17. Juli 2012

Analyse zur Hungerkrise in Südafrika: Vorbereiten auf die Dürre

 Von Ralf Südhoff
Ralf Südhoff.

In Westafrika war die internationale Gemeinschaft auf dem bestem Weg, eine Hungerkrise einzudämmen – jetzt droht sie alles zu verspielen. Ein Kommentar.

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Als die 20-jährige Zouley ihre Zwillinge im Süden Nigers zur Welt brachte, schien deren Schicksal besiegelt. Die mangelernährte Mutter hatte zwei völlig mangelernährte Kinder geboren. Hassana und Ousseina wogen bei ihrer Geburt nur gut je ein Kilo und hatten nur geringe Überlebenschancen. Vier Wochen später aber schliefen die Zwillinge friedlich vor den Augen der Mutter im Bett einer lokalen Krankenstation. Dank angereicherter Milch hatte sich das Gewicht der Kinder verdoppelt.

Ob sie überleben werden? Die Ärzte sind optimistisch, dass die Familie sogar bald das Krankenhaus verlassen kann, wenn sie auch die Mutter weiter mit Weizenbrei und angereicherten Speiseölen aufpäppeln können, bis sie stark genug ist, ihre Kinder zu stillen. Doch ob das gelingt, wird ebenso wie das Schicksal von Millionen von Menschen in Niger und Westafrika auch in den Ländern des Nordens entschieden. Die Vorzeichen sind dafür so gut wie nie – eigentlich.

Über 15 Millionen Menschen leiden in Niger und in Mali, vom Tschad bis nach Senegal in der Sahelzone unter der dritten Dürre in weniger als zehn Jahren. Doch hat die internationale Gemeinschaft aus der Krise am Horn von Afrika gelernt? Schaffen wir es rechtzeitig zu verhindern, dass aus einer Krise eine Katastrophe mit Millionen von Opfern wird?

Manches ist in Westafrika anders als vor einem Jahr in Ostafrika. Einmal mehr jedoch zeigt sich, dass die neuen internationalen Frühwarnsysteme funktionieren. Sie schlagen seit Monaten Alarm in Westafrika – genau wie am Horn 2011. Die Dürre ließ im vergangenen Jahr die Ernten in Westafrika in zweistelligen Raten zurückgehen – in Niger um fast ein Viertel, im Tschad um mehr als ein Drittel, in Mauretanien um fast die Hälfte. Wie 2011 in Ostafrika, sind die Preise für Nahrungsmittel drastisch gestiegen. Für Hirse und Mais bezahlt man in Niger um über 20 Prozent mehr. Die Situation der mangelernährten Kinder ist dramatisch. In Burkina Faso muss das Welternährungsprogramm (WFP) 250 000 Kleinkinder mit angereicherter Nahrung aufpäppeln, im Tschad ist jedes zehnte Kind akut mangelernährt, in Niger sogar jedes fünfte. Hinzu kommen neue politische Konflikte und Vertreibungen. So mussten allein in Mali 300 000 Menschen mussten fliehen.

Doch eines war bislang anders bei dieser Krise, und daraus könnte eine historische Chance erwachsen. Die internationale Gemeinschaft hat frühzeitig reagiert und erste Hilfen wurden schon im letzten Herbst bewilligt. Diese schnelle Reaktion hat beispielsweise dazu beigetragen, dass wir vom WFP bereits rund drei Millionen Menschen Hilfe gewähren konnten, um die Krise einzudämmen. Hilfe, die bleibende Schäden bei Kindern vermeidet und den Bauern ermöglicht, auf ihren Feldern zu bleiben und diese auf die nächste Aussaat vorzubereiten, statt, wie hunderttausendfach am Horn geschehen, ihr Saatgut zu essen, ihr Vieh zu verkaufen und alles zu verlieren, von dem sie künftig wieder eigenständig hätten leben könnten. Die Betroffenen können auf eine moderne Art der Ernährungshilfe bauen, die ihnen zum Beispiel durch innovative Cash-for-Work-Programme etwas Geld bietet als Lohn für gemeinnützige Arbeiten und so kurzfristige Nothilfe mit mittelfristigen Lösungen verbindet. Allein in Niger sind so fast eine Million Menschen in der Lage, sich auf die immer häufigeren Dürren vorzubereiten, in dem sie Bewässerungskanäle bauen, Straßen und neue Felder anlegen.

Doch die mögliche Erfolgsgeschichte ist keineswegs gesichert. In diesen Tagen beginnt die schlimmste Zeit der Sahel-Krise, die sogenannte Hungerperiode – die letzten Monate vor der nächsten Ernte im Oktober. Schon bald werden noch viel mehr Menschen keine Vorräte mehr haben. Über zehn Millionen Menschen werden dann für kurze Zeit auf Hilfe durch das WFP angewiesen sein. Doch ausgerechnet jetzt droht die große Chance für einen Neuanfang in der humanitären Hilfe verspielt zu werden. Allein für Niger fehlen dem Welternährungsprogramm akut über 200 Millionen Dollar und damit fast die Hälfte der Mittel für seine Hilfsoperationen. In der Sahelzone ist die Situation ähnlich dramatisch, dort fehlen rund 375 Millionen Dollar.

Die internationale Gemeinschaft ist jetzt aufgefordert, eine zweite Hilfswelle zu starten. Andernfalls droht sie alle Erfolge der ersten zu verspielen, was erneut viele Menschen das leben kosten würde.

Wir wissen heute, dass man mit relativ wenig Geld sehr viel erreichen kann, um ein Kind vor Mangelernährung zu schützen. Eine spätere Therapie für ein mangelernährtes Kind aber kostet ein Vielfaches.

Wenn wir jetzt auch in Westafrika daran scheitern zu verhindern, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird, werden alle Seiten einen hohen Preis dafür bezahlen – Menschen wie Zouley und ihre Zwillinge den höchsten.

Ralf Südhoff ist Leiter des UN World Food Programme (WFP) in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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