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09. März 2011

Analyse zur Integration: Die neue Gretchenfrage

 Von 

Es ist etwas im Fluss, ein moderner Islam deutscher Werteprägung bildet sich allmählich heraus. Wohin soll der gehören, wenn nicht nach Deutschland?

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Man kann verschiedene Wege einschlagen, um zu klären, ob der Islam zu Deutschland gehört. Der, die Historie zu befragen, bringt für die realistische Sicht dessen, was ist, nichts. Trotzdem muss die Frage gestellt werden dürfen. Denn sie ist im Grunde anders gemeint und bewegt in ihrer eigentlichen Lesart alle im Land: Passt der hier gelebte Islam in unsere Alltags- und Verfassungswirklichkeit? Oder treibt er nur neue Unfreiheiten in unsere heile offene Gesellschaft hinein? So lautet die neue deutsche Gretchenfrage richtig.

Jeder und jede in diesem Land kann an dieser Stelle Episoden nennen, in denen irgendwie Islam vorkommt – mal mit Angstpotenzial, mal harmlos. Wenn beim Karstadt neuerdings eine Kopftuchträgerin an der Kasse sitzt, wird das noch den wenigsten Probleme machen. Die Niqabträgerin, die täglich die Tochter zur Bushaltestelle bringt, kommt aufgeklärten Eltern schon eher bedenklich vor.

Zufallserlebnisse taugen aber nicht zum Gesamtbild. Weiter bringt der Blick an deutsche Gerichte: Das ist nämlich der Ort, an dem Extreme beim Einfordern muslimischer Sonderrechte bestens zu besichtigen sind. Da ist der muslimische Ladenhelfer, der seit Jahren in einem Supermarkt arbeitet, jetzt aber aus religiösen Gründen keine Weinflaschen mehr einräumen will und dafür das Bundesarbeitsgericht bemüht. Jetzt reicht’s aber, zischen sogar diejenigen, die für Minderheiten sonst ein großes Herz haben. Da ist die junge Frau, die nach der Elternzeit nur mit Burka an ihren Arbeitsplatz im Frankfurter Bürgeramt zurückkehren wollte. Und der Berliner Gymnasiast, der einmal täglich während der Schulzeit beten will. Es dürfte spannend werden, wie das Bundesverwaltungsgericht im Herbst seinen Fall entscheidet.

Die klagefreudigen Muslime zählen zu den orthodoxesten hierzulande. Dass gerade sie ihre Religionsfreiheit aufs Maximum ausdehnen wollen, schürt Ängste in der Mehrheitsgesellschaft. Zu Unrecht, wenn man genauer hinschaut: Dass ausgerechnet dieser strenge Islam für den Kampf um seine religiösen Freiheiten den Rechtsweg wählt, belegt doch, wie er sich schon hat einhegen lassen von den rechtsstaatlichen Gepflogenheiten hierzulande. Das verbindet ihn mit jenen fundamentalistischen Christen, die ebenfalls per Marsch durch die Instanzen ihre Kinder von angeblich verlotterten öffentlichen Schulen fernhalten wollen; vor den Hyperchristen hat aber interessanterweise niemand hier Angst.

Man muss auch nicht fürchten, die ultrafrommen Muslime könnten auf dem Instanzenweg die plurale Grundordnung aushebeln oder klammheimlich ein öffentliches Alkoholverbot durchdrücken. Die bundesdeutschen Gerichte haben sich über die Jahre hinweg als ziemlich grundrechtssicher erwiesen. Und die Frankfurter Burkaträgerin hat am Ende das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte: ein Burkaverbot im öffentlichen Dienst nämlich.

Der hier gelebte Islam wird westlicher

Schaut man noch genauer in die muslimischen Milieus, so stellt man erst recht fest: Der hier gelebte Islam ist in seiner Breite feste dabei, westlicher zu werden. Das Freiheitsangebot unserer Verfassungswirklichkeit ist offenbar so überzeugend, dass es die eingewanderte Religion mehr verändert als umgekehrt. So fand das Bundesinnenministerium heraus, dass selbst von den frömmsten Musliminnen hierzulande jede zweite nie ein Kopftuch trägt, dass die Jüngeren es seltener tragen als die Älteren; und dass nur eine sehr kleine Minderheit ihre Töchter nicht zum schulischen Schwimm- oder Sexualunterricht schickt. Jüngere Muslime, vor allem Mädchen, schaffen deutlich häufiger einen Schulabschluss als ihre Eltern. Da ist etwas im Fluss, da verändern sich Lebenswege, da bildet sich ein Islam deutscher Werteprägung heraus. Wohin soll er gehören, wenn nicht nach Deutschland?


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Und taucht man noch tiefer ein in diesen Islam, dann erlebt man Prozesse, über die die ganze Gesellschaft sich freuen sollte. Sie können uns alle voranbringen. Die Schaffung von Studiengängen für islamische Theologie etwa wird einen deutlichen Fortschrittsschub nicht nur für den Islam bringen, sondern für das gesamte Religionsverfassungsrecht. Das verkrustete Staatskirchenrecht steht in dem Maß auf dem Prüfstand, in dem Muslime kompetenter und glaubwürdiger mehr Rechte und Gleichbehandlung für sich einfordern.

Dass sie das tun können, das ist zunehmend auch das Verdienst hier aufgewachsener Muslimas. In intellektuellen Zirkeln wagen muslimische Akademikerinnen inzwischen die offensivsten Forderungen, sie zetteln die spannendsten Debatten an. Sie geben sich zum Beispiel nicht mit Islam-Lehrstühlen zufrieden – nein, sie rühren an ein Tabu, fordern weibliche Imame und entsprechend angelegte Islam-Studiengänge. Die Forderung ist intern umstritten, viele muslimische Theologinnen lehnen das ab (und männliche Muslime sowieso). Der Disput aber ähnelt dem in der katholischen Kirche um den Zölibat und zeigt: Es schlummert noch viel Modernisierungspotenzial im deutschen Islam, das auch der Gesellschaft nur nutzen kann. Allein deshalb steht er uns gut zu Gesicht.

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