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Analyse: Zyperns letzte Chance

Die politischen Führer auf Zypern reden wieder über eine Vereinigung der Mittelmeerinsel. Wenn sie die Teilung überwinden, können der türkische Norden, Europäische Union und die Nato nur gewinnen. Aber viele Inselgriechen bleiben skeptisch. Von Gerd Höhler

Gerd Höhler ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau für Griechenland, Zypern und die Türkei .
Gerd Höhler ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau für Griechenland, Zypern und die Türkei .
Foto: FR

Der türkisch-zyprische Volksgruppenführer Mehmet Ali Talat scheint ein unverbesserlicher Optimist zu sein. Zwar beginnen jetzt die Wiedervereinigungsgespräche auf der geteilten Insel bereits mit zweimonatiger Verspätung, aber Talat glaubt immer noch, die Verhandlungen bis zum Jahresende zum Erfolg führen zu können. Vielleicht ist das Zweckoptimismus. Vielleicht möchte sich Talat auch für den Fall absichern, dass die Gespräche scheitern - und bereits jetzt unterstreichen: an den Zyperntürken soll es nicht gelegen haben.

Es geht um komplizierte Fragen. Eine davon steht gleich zu Beginn auf der Tagesordnung: Wie sollen sich die beiden Volksgruppen in einer künftigen Föderation in die Macht teilen? Ein weiteres heißes Eisen ist die Rolle der Türkei. Die Zyperntürken wollen sie auch künftig als Garantiemacht. Die Griechen sind strikt dagegen. Denn mit diesem Status hatte Ankara 1974 die Militärintervention auf Zypern gerechtfertigt.

Diese Verhandlungen dürften auf sehr lange Sicht die letzte Chance sein, den gordischen Zypernknoten zu lösen. Immerhin sitzen sich mit dem Inselgriechen Dimitris Christofias und dem Zyperntürken Talat zwei Männer gegenüber, die glaubhaft versichern, eine Einigung zu wollen. Das war bei früheren Anläufen nicht so.

Vor allem Talat hat ein brennendes Interesse daran, die Verhandlungen zum Erfolg zu führen. Nur wenn die Inselspaltung überwunden wird, öffnet sich für die türkische Volksgruppe die Tür zur EU. Eine Vereinigung mit dem Süden würde die politische und wirtschaftliche Isolation des Inselnordens beenden. Auch die EU muss großes Interesse daran haben, die Teilung zu beenden.

Nicht nur um Zypern und der Zyprer willen. Eine Zypernlösung könnte helfen, die Konflikte zwischen den zerstrittenen Nato-Partnern Griechenland und Türkei beizulegen. Damit würde ein schwelender Krisenherd im östlichen Mittelmeer entschärft. Und die EU-Perspektive der Türkei bekäme einen neuen Impuls - noch sind wegen des Zypernstreits die Beitrittsverhandlungen teilweise eingefroren.

Die Kaukasuskrise hat erneut gezeigt, welch enorme strategische Bedeutung die Türkei für Europa hat: als stabilisierende Regionalmacht, aber auch als Energiekorridor zwischen Mittelasien und Westeuropa. Das Zypernproblem berührt somit unmittelbar die Interessen Europas. Seine Lösung könnte helfen, die Türkei enger in die sicherheits- und energiepolitischen Strukturen des Westens einzubinden.

Also ein Szenario, in dem es nur Gewinner gibt? Nicht ganz. Denn die Interessenlage der griechischen Zyprer ist weniger eindeutig. Viele haben sich mit dem Status quo der Teilung arrangiert. Sie verfolgen die jetzt angelaufenen Verhandlungen mit Skepsis. Manche Politiker im Süden versuchen sogar, die Gespräche zu hintertreiben. Sie meinen, die Inselgriechen hätten bei einer Lösung nur zu verlieren - vor allem politische Macht.

In der Tat: Ihren Alleinvertretungsanspruch werden die Inselgriechen aufgeben müssen, wenn es zu einer Lösung kommen soll. Die Einigungsgegner im Süden sollten sich aber die Folgen vor Augen führen, wenn auch dieser Versuch scheitert: Die Inselteilung würde auf die absehbare Zukunft zementiert.

Die faktische oder sogar völkerrechtliche Anerkennung des türkischen Inselnordens als eigener Staat wäre nur eine Frage der Zeit - siehe Kosovo.

Autor:  GERD HÖHLER
Datum:  11 | 9 | 2008
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