Die Vuvuzelas tönen wieder. Diesmal wird mit den Plastiktröten allerdings weder eine Mannschaft angefeuert, noch der weltweit anerkannte Erfolg der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden gefeiert. Sie dienen vielmehr Hunderttausenden streikender Südafrikaner als Instrumente der Kriegserklärung an ihre Regierung. Gerade mal einen Monat nach seinem historischen Triumph macht das Land am Kap der Guten Hoffnung aus ganz falschen Gründen auf sich aufmerksam. „Die Geschwindigkeit, mit der wir das von der WM erzeugte positive Image zunichte machen“, sagte der Kolumnist Allister Sparks, „ist erstaunlich.“ Das Verdikt des bedeutendsten südafrikanischen Journalisten galt der fragwürdigen Bereicherung des Präsidentensohnes Duduzane Zuma sowie dem Versuch der Regierung, die Presse in dem bisher in Afrika beispielhaft demokratischen Staat an die Leine zu legen.
Inzwischen hat sich die Krise zugespitzt. Der seit zehn Tagen anhaltende Streik des öffentlichen Dienstes nimmt nicht nur für die Regierung besorgniserregende Ausmaße an. Lehrer verprügeln ihre Schüler, weil diese trotz der Arbeitsniederlegung ihrer Ausbilder zum Unterricht erscheinen. In den Hospitälern sterben Patienten, weil sich das Pflegepersonal weigert, sie zu behandeln – oder weil Ärzte von Streikenden an der Erfüllung ihres hippokratischen Eids gehindert werden. Soldaten werden in die Hospitäler beordert, um deren Betrieb aufrechtzuerhalten. Doch selbst die uniformierten Staatsdiener drohen inzwischen aus Solidaritätsgründen mit der Befehlsverweigerung.
Die Regierung hält die Forderungen der Streikenden für maßlos übertrieben. Angesichts einer nur mühsam in Gang kommenden Konjunktur könne niemand Lohnsteigerungen verlangen, die doppelt so hoch seien wie die Inflationsrate. Bei einer Arbeitslosenquote von weit mehr als 25 Prozent sollten die Streikenden froh sein, überhaupt einen Job zu haben.
Doch bei dem Ausstand geht es keineswegs nur um Prozente. Die Gewerkschaften verweisen auf anrüchige Deals und exorbitante Gehälter, die sich die Regierenden und ihre Spezis in die Tasche steckten. „Wir bewegen uns schnurstracks auf einen Raubtierstaat zu, in dem eine mächtige und korrupte Elite politischer Hyänen die Geschäfte kontrolliert“, tobt Gewerkschaftsbund-Chef Zwelinzima Vavi.
Zunehmend rückt Präsident Jacob Zuma, einst mit den Stimmen der Gewerkschaften ins Amt gehoben, selbst ins Zentrum der Kritik. Er wird inzwischen als visionsloser und entscheidungsschwacher Regierungschef betrachtet. Selbst der Chef der ANC-Jugendliga, Julius Malema, der einst öffentlich seine Bereitschaft erklärte, „für Zuma auch zu töten“, denkt laut über einen Nachfolger nach.
Dabei wäre es mit einem bloßen Gesichtswechsel gar nicht getan. Neben der aus ANC, Kommunistischer Partei und Gewerkschaften bestehenden Allianz befindet sich auch die Regierungspartei selbst in einem besorgniserregenden Zustand. Machtkämpfe, Nepotismus und Missmanagement haben den ANC in Verruf gebracht. Um auch die letzten Zweifel am Zustand der Partei auszuräumen, setzte die ANC-Führung der Gauteng-Provinz den Parteirat der Stadt Johannesburg ab. Das Gremium der wirtschaftlich bedeutendsten Stadt Afrikas sei „in den völligen Wahnsinn“ geschlittert, hieß es zur Begründung.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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