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Kolumne: Angst an falscher Stelle

Washington sorgt sich um Schulden und Inflation. Die wirkliche Gefahr der Arbeitslosigkeit hingegen wird verkannt. Und jeder Versuch, Arbeitslosen zu helfen, wird von den Angstmachern gestoppt.

Alle wichtigen ökonomischen Faktoren zeigen, dass der Aufschwung in den USA sich verlangsamen könnte. Die Beschäftigungsquote wächst nicht schneller als die erwachsene Bevölkerung. Mehr als sechs Millionen Amerikaner sind länger als sechs Monate ohne Job, mehr als vier Millionen länger als ein Jahr.

Es wäre schön, wenn irgendjemand in Washington sich dafür interessieren würde. Nicht dass unsere politische Klasse selbstgefällig wäre. Im Gegenteil. Die Debatte ist bestimmt von Angst, Angst vor der Schuldenkrise, der Inflation, der Abwertung des Dollar. Die Bedrohungen sind zwar eingebildet, aber die Angst vor den Hirngespinsten wirkt. Niemand kümmert sich um die reale Krise, das Elend arbeitsloser Amerikaner und ihrer Familien.

Wovor hat Washington Angst? An erster Stelle davor, dass Etatprobleme zu einer Krise der Staatsfinanzen führen könnten. Tatsächlich sagen wichtige Obama-Berater: Wenn wir nicht innerhalb der nächsten zwei Jahre die Ausgaben drastisch senken, passieren fürchterliche Dinge.

Keine Ahnung, woher diese Zwei-Jahres-Linie kommt. Was wir in den nächsten Jahren tun, hat kaum Auswirkungen auf die Solvenz der USA, die vornehmlich davon abhängt, was wir langfristig mit unserer Krankenversicherung und den Steuern machen. Investoren sorgen sich derzeit nicht um eine Finanzkrise. Der Finanzminister verkauft problemlos Staatsanleihen und kann sich billig Geld besorgen, was darauf hindeutet, dass Investoren daran glauben, dass die Kredite bedient werden.

Das Defizit ist nicht die einzige unbegründete Angst. Auch die vor einer Inflation gehört dazu – und die vor einem starken Fall des Dollar. Dabei ist die Abwertung des Dollar heute gering, verglichen mit den Abstürzen der Vergangenheit, vor allem unter Präsident George W. Bush und während der zweiten Amtszeit von Ronald Reagan. Im Übrigen brachten diese früheren Dollar-Abwertungen die Konjunktur nicht in Gefahr; sie wirkten vielmehr segensreich, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie auf dem Weltmarkt stärkten.

Die Gefahren für die US-Wirtschaft gehen nicht von künftigen Problemen aus, sondern von den heutigen. Arbeitslosigkeit unterhöhlt Amerikas Zukunft. Je länger sie anhält, umso mehr Menschen werden nie mehr einen Job bekommen, umso mehr junge Leute werden um ihre Chancen betrogen, weil ihnen kein akzeptabler Einstieg ins Berufsleben gelingt.

Aber jeder Versuch, den Arbeitslosen zu helfen, wird von den Angstmachern gestoppt. Sollten wir nicht ein bisschen Geld für die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgeben? Niemals, sagen die Defizit-Kassandras, die uns mit dem rein hypothetischen Ärger der Finanzmärkte einschüchtern wollen, und fordern, die Ausgaben zu kürzen. Soll die Zentralbank mehr für die Konjunktur tun? Nein, sagen die Inflation- und Dollar-Kassandras, die wieder und wieder falsch lagen, aber strikt dabei bleiben, dass sich ihre düsteren Voraussagen über steigende Preise und abstürzenden Dollar diesmal bewahrheiten.

Unsere politische Klasse vermutet Ärger an falschen Stellen und verhindert damit, dass wir uns den wirklichen Problemen widmen, den Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern, die keine Arbeit finden.

Paul Krugman ist Ökonomie-Professor in Princeton und Träger des Wirtschaftsnobelpreises.

Übersetzung: Christoph Albrecht-Heider

© New York Times

Autor:  Paul Krugman
Datum:  9 | 5 | 2011
Kommentare:  23
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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