Persönlich seien dem 57-jährigen Ante Gotovina die Jahre in Freiheit gegönnt, die die Haager Richter ihm nun zugestanden haben. Politisch aber ist der Freispruch eine Katastrophe. Was in Kroatien an nationaler Selbstkritik erreicht wurde, ist mit einem Schlage zunichtegemacht. Ein düpierter, pro-europäischer Premier sieht sich gezwungen, schüchtern daran zu erinnern, dass es kroatische Kriegsverbrechen sehr wohl gegeben habe.
Kroatien versteht das Urteil schon ganz richtig: Nicht nur Gotovina wurde gestern in Den Haag freigesprochen, sondern die ganze Nation. Nach der Anklage hatte der vorbestrafte Fremdenlegionär sich mit der Vertreibung der Menschen aus der Krajina, einer serbisch besiedelten Landschaft in Kroatien, eines „gemeinschaftlichen kriminellen Unternehmens“ mit seinem Präsidenten Franjo Tudjman schuldig gemacht. Nach dem Urteil der zweiten Instanz hat es dieses Unternehmen nie gegeben.
Gotovinas Artillerie, so die Richter, haben nur da geschossen, wo sich in mindestens 200 Metern Entfernung auch ein militärisches Ziel befunden hätte – das kann man nur einen Witz nennen, denn die serbische Armee hatte sich beim Einmarsch im August 1995 fast ganz zurückgezogen. Die Granaten, die Gotovina verschoss, waren vielmehr eine Botschaft an die Zivilisten: Flüchtet! Das Urteil bestätigt und erneuert diese Botschaft.
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