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15. Februar 2015

Antisemitismus und Israel : Europas Juden und der Lockruf aus Israel

 Von Armin Langer
Benjamin Netanjahu fordert die europäischen Juden auf, angesichts des Terrors nach Israel auszuwandern. Viele folgen dem Aufruf.  Foto: afp

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ruft die europäischen Juden zur Auswanderung nach Israel auf. Aber Europa will keinen judenfreien Kontinent, der Gewalt zum Trotz. Ein Gastbeitrag.

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Inbrünstig sangen sie Benjamin Netanjahu die Marseillaise ins Gesicht. Kurz nach den Terrorangriffen von Paris war der israelische Premierminister in der größten Synagoge der Stadt zu Besuch. Netanjahu hielt eine Rede. Er rief die Juden Frankreichs auf, „heimzukehren“, und nach den Schüssen von Kopenhagen hat er diesen Aufruf jetzt an alle Juden Europas gerichtet. Die Gläubigen in Paris antworteten mit der berühmten Strophe „Auf, Kinder des Vaterlands, der Tag des Ruhmes ist gekommen!“ Netanjahus verwirrter Blick sprach für sich: Er, als israelischer Regierungschef im Wahlkampf, der sich für alle Juden der Welt verantwortlich fühlt, er verstand diese Juden vor ihm nicht.

Die israelische Politik hegt ein besonderes Verantwortungsgefühl für die Juden Europas, und das jüdische Establishment gibt ihres zu oft an die israelische Regierung ab. Viele jüdische Würdenträger in Europa sind mit ihren Gedanken nicht bei uns, sie sind ganz woanders.

Ende 2014 verlor Alba Berlin in der Vorrunde der Basketball-Euroleague gegen das Team von Maccabi Tel Aviv 89 zu 95. Die „Jüdische Allgemeine Zeitung“, das publizistische Sprachrohr des Zentralrats der Juden in Deutschland, freute sich in den sozialen Medien über den Sieg von Tel Aviv mit den Worten, „wir“ hätten die Runde der 16 besten Teams erreicht. Ginge es um eine deutsch-türkische Zeitung, die Galatasaray Istanbul die Daumen drücken würde, es wäre ein „klares Integrationsdefizit“. Der Jude hat anscheinend wie so oft keine Wahl, er muss Israel unter allen Umständen unterstützen.

Diese Prämisse steckt paradoxerweise auch in den Köpfen der Israelfeinde, der Antisemiten, ja sogar derjenigen, die gegen uns Juden Gewalt anwenden, und in den Köpfen der Terroristen. Der Anschlag auf den koscheren Supermarkt „Hyper Cacher“ in Paris kostete vier unschuldige Juden das Leben. Der Attentäter Amedy Coulibaly sah in ihnen Vertreter der israelischen Palästinapolitik. Dabei wollten sie nur Brot für den Schabbat kaufen.

Nichts kann antisemitische Gewalt entschuldigen. Die Täter gehören bestraft. Es kann aber nicht sein, dass die Juden in Paris, in Toulouse, in Brüssel, in Berlin und München für die Palästinapolitik Israels geradestehen müssen: Judentum und Israel sind nicht eins.

Nach den Attentaten von Paris wurde vor allem über französische Juden berichtet, die „massenhaft nach Israel auswandern wollen“. Dabei wurde selten erwähnt, dass es laut Umfragen und wissenschaftlichen Erhebungen viel mehr Israelis gibt, die nach Westeuropa ziehen. Jeder zweite Teenager in Israel hat vor, das Land zu verlassen. Ein Fünftel der erwachsenen Israelis plant einen Umzug nach Europa oder in die USA. Heute leben laut Angaben des israelischen Ministeriums für Einwanderung rund eine Million Ex-Israelis außerhalb ihres Geburtsorts im Heiligen Land.

Israel ist für mich heilig

Mit einer Differenzierung zwischen Jude und bedingungslosen Unterstützern der israelischen Palästinapolitik können wir den Salon-Antisemitismus, der die christlich-dominierte Mehrheitsgesellschaft so stark prägt, nicht bekämpfen. Er existiert schon seit Jahrhunderten in den Köpfen, ist Teil der „abendländischen Kultur“ geworden. Der Antisemitismus der arabischen und türkischen Gemeinden hat aber in der Mehrheit eine andere Natur.

Dieser „importierte Antisemitismus“ ist im Vergleich zur abendländischen Version durchaus überwindbar. Ohne dass sich alle Juden Europas vom Staat Israel distanzieren sollen, gilt es klarzumachen, dass ein Jude oder ein Ex-Israeli nicht automatisch ein Unterstützer der israelischen Palästinapolitik sein muss. Es geht nicht darum, das Existenzrecht Israels zu leugnen, es geht darum, kritisch mit der Gewalt zwischen Mittelmeer und Jordan umzugehen.

Ich bin ein religiöser Jude, dessen Familie trotz der jahrhundertelanger Unterdrückung weiter und gerne in Europa lebt, dessen Großeltern trotz ihrer Leiden in Auschwitz nach ihrer Befreiung nicht nach Palästina zogen. Ich bete Richtung Jerusalem, lebte und studierte auch in der Stadt des Tempels. Jerusalem hat einen sehr speziellen Stellenwert in meinem Herzen, den ich immer bewahren werde.

Unweit von Jerusalem liegt Hebron. Es ist die Stadt, in der mein Vorvater Abraham begraben liegt. Tiberias heißt der Ort, in dem der Talmud, den ich täglich studiere, verfasst wurde. Auch Juden sollen an diesen Orten friedlich weiter und wieder leben. Das Land Israel ist für mich heilig. Der Staat Israel nicht.

Eine Welt ohne Nationalitäten

Die prophetische Tradition des Judentums lehrt, dass es die Aufgabe des Volkes Israel sei, alle Völker in eine Welt zu führen, in der es keine nationalen Identitäten mehr gibt. Nationalismus ist dem Judentum, an das ich glaube, etwas Fremdes. Eine weitverbreitete Form von Zionismus vertritt allerdings das Gegenteil davon. Sie spricht sich für das National-Judentum aus. Vor allem vielen Juden in Europa ist dies ein Dorn an dieser besonderen Stelle im Herzen.

Eine zentrale Aufgabe der jüdischen Gesellschaft in Europa ist es, dieses Gefühl unter uns Juden zu äußern. Wir bleiben in Europa als Juden. Wir bleiben dafke in Europa, wie man trotzig auf Jiddisch sagt. Trotz und gerade wegen all der Gewalt, die uns direkt und indirekt angetan wird.

Wenn uns der Wahlkämpfer Benjamin Netanjahu aufruft, Alija, also die Übersiedlung nach Israel, zu begehen, sollten wir antworten: „Nein danke, wir wollen kein judenfreies Europa.“ Es ist die Aufgabe der nicht-jüdischen Gesellschaft, Mehrheiten und Minderheiten inbegriffen, zu gewährleisten, dass Juden ohne Angst und Gefahr in Europa leben können.

Armin Langer ist Koordinator der Initiative Salaam-Schalom in Berlin.

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