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04. Januar 2015

Arabischer Frühling: Wenig Arabellion für Frauen

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Feier des Weltfrauentags in Tunis.  Foto: imago/Chokri Mahjoub

Was hatten Frauen von der Arabellion? Schaut man nach Rakka, so haben sie an Bewegungsfreiheit und Mitbestimmungsrecht verloren. Auch in anderen Ländern der Region ist die Welt der Frauen geschrumpft. Die Ausnahme ist das Ursprungsland der Arabellion: Tunesien. Eine Analyse.

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Tunesische Zeitungen druckten kürzlich eine Karikatur: Sie zeigt den Widergänger des Fruchthändlers Mohammed al-Bouazizi, dessen Selbstmord vor vier Jahren als Auslöser für die Welle der Proteste und den Beginn der Revolutionen in Tunesien und vielen anderen Ländern der arabischen Welt gesehen wird. In der Karikatur schaut sich al-Bouazizi missmutig um und sagt dann: „Da werde ich mich wohl noch einmal anzünden müssen.“

Hat er Recht? Haben die Aufstände, die Proteste und die Regierungsstürze in der arabischen Welt tatsächlich nichts gebracht? War alles vergebens? 2011 war oft von einem Frühling der Frauen die Rede, weil gerade Demonstrantinnen eine so wichtige Rolle gespielt haben. Nicht zuletzt hatten sie sich in großer Zahl an den Demonstrationen beteiligt und so wohl ganz entscheidend dazu beigetragen, dass die Proteste in vielen Ländern zunächst friedlich blieben.

Die Polizei wäre in Tunis und Kairo wahrscheinlich sehr viel härter gegen die Demonstranten vorgegangen, wenn es sich nur um Männer gehandelt hätte. Auch in den Ländern, in denen der Aufstand schnell gewaltsam wurde, in Libyen und Syrien etwa, spielten Frauen eine Rolle. Viele der Internetaktivisten waren Frauen.

Im Lauf des Jahres 2012, als zunehmend islamistische Gruppen das Machtvakuum füllten, das die gestürzten Regierungen hinterlassen hatten und in vielen der Länder zur tonangebenden politischen Kraft wurden, schien sich das Blatt zu wenden: Die Frauen galten als die großen Verliererinnen des Umbruchs, so zumindest der Tenor der Bilanzen, die 2011 und 2012 um diese Jahreszeit in den Zeitungen zu finden waren. Doch mit Bilanzen ist das so eine Sache – besonders wenn die Entwicklung, die sie einordnen, alles andere als abgeschlossen ist.

Kinderbräute in der öffentlichen Diskussion

Stellt man heute erneut die Frage: Was hatten die Frauen von der Arabellion?, so zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Schaut man auf die Frauen in der syrischen Provinz Rakka, auf die seit Monaten von radikalen Kämpfern des „Islamischen Staates“ (IS) verwaltete irakische Stadt Mossul oder auf die Lage im libyschen Derna, so ist ganz klar, dass Frauen an Bewegungsfreiheit und Mitbestimmungsrecht verloren haben.

Die IS-Ideologen mögen im Internet zwar behaupten, dass nur in ihrer Gesellschaftsordnung die Frau ganz und gar nach ihrer Natur und ihren Bedürfnissen leben kann, jedoch ändert dies nichts daran, dass Frauen unter IS-Herrschaft viele grundlegende Rechte verloren haben.

Auch in anderen Ländern der Region ist die Welt der Frauen in den vergangenen vier Jahren geschrumpft. In weiten Teilen des Iraks, in Libyen und im Jemen etwa haben die Gewalt und die andauernden Kämpfe dazu geführt, dass Frauen das Haus nicht mehr unbesorgt verlassen können und Familien sie aus Angst vor den Drohungen islamistischer Hetzer lieber zu Hause halten. Allerdings ist auch hier das Bild nicht einheitlich: Im Jemen spielen Frauen nach wie vor eine Rolle bei der Ausformulierung der Verfassung. Zudem ist es gelungen, manche besonders heiklen Themen, wie etwa die der Kinderbräute, die oft schon mit acht Jahren an einen Ehemann quasi verkauft werden, in die öffentliche Diskussion zu bringen.

In Ägypten sehen viele die Revolution als gescheitert an. Mit Abdelfattah al-Sisi steht nun abermals ein ehemaliger General an der Spitze. Was Presse – und Meinungsfreiheit und auch politische Rechte der Opposition angeht, ist al-Sisi deutlich repressiver als der 2011 gestürzte Husni Mubarak. Viele halten dennoch der neuen Regierung zu Gute, dass sie immerhin dafür gesorgt hat, dass Frauen wieder mehr Bewegungsfreiheit haben und ihre Gleichstellung in der Verfassung garantiert wird.

70 Frauen im tunesischen Parlament

In Ägypten traten 2011 gleich nach dem Sturz Mubaraks die Islamisten ihren Siegeszug an und hatten es vor allem auf die Stellung der Frauen und ganz besonders auf das Familienrecht abgesehen. In der Verfassung von 2012 werden Frauen zwar gleiche Rechte versprochen, allerdings galt zugleich die Scharia als höchstes Gesetz. Mit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi wurde auch diese Verfassung außer Kraft gesetzt. In der neuen Fassung, die 2014 verabschiedet wurde, werden die Rechte der Frauen deutlich gestärkt. Die neue Zeit zeigt sich auch im Straßenbild: Weniger Frauen tragen Kopftuch oder Gesichtsschleier; kurzärmelige T-Shirts sind auch wieder zu sehen.

Bleibt der Blick nach Tunesien: Das Ursprungsland der Arabellion hat es geschafft, am meisten aus den Umwälzungen zu machen. Das gilt für die Entwicklung des politischen Systems, aber auch für die Frauen. Die 2014 verabschiedete tunesische Verfassung gilt als vorbildlich, was Frauenrechte angeht. Im neugewählten, 217-sitzigen Parlament sind immerhin 70 Frauen.

Die größte Leistung aber ist: Wann immer die Frage aufgeworfen wird, warum Tunesien im Vergleich zu den Nachbarstaaten so gut da steht, wird auf den großen Einfluss der Frauen verwiesen. So spielten sie eine wichtige Rolle, als im Dezember 2010 der Aufstand begann. Mindestens ebenso entscheidend war ihr Einfluss, als 2013 die Islamisten in der Verfassungsversammlung versuchten, Tunesien ein islamistische Gesellschaftsmodell zu verpassen. „Wir hatten oft Sorge, ob wir es schaffen, und oft sah es finster aus, aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben und weitergekämpft und protestiert. Jetzt sind wir stolz auf das Erreichte“, so die tunesische Frauenrechtlerin Bassma Soudani.

Bleibt zu hoffen, dass Frauenrechtlerinnen in den anderen arabischen Ländern auch irgendwann einmal einen ähnlichen Satz sagen können.

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