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21. Dezember 2012

Ausgelesen: Das Europrojekt als spannender Episodenfilm

 Von Stephan Hebel
Zu Merkel gibt es wenig Alternativen - ihre Politik wird von fast allen Parteien mitgetragen.Foto: dpa

Das Jahrbuch 2012/13 ist, wenig überraschend, fast ausschließlich der Finanzkrise gewidmet – einschließlich der fatalen Folgen, die sie für die soziale und demokratische Stabilität in Europa hat.

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Manchmal fällt das Schweigen erst auf, wenn wieder Stimmen zu hören sind. Ein bisschen ähnlich ist es mit dem „kritischen Jahrbuch“ der Nachdenkseiten, das jetzt zum sechsten Mal erschienen ist. Die Stimmen, die dieses Jahrbuch sammelt, gehören allesamt dezidierten Kritikern der derzeit herrschenden Politik. Wenn man es liest, fällt einem erst auf, wie sehr diese Töne oft fehlen im täglichen Allerlei aus Schuldenkrisen und Rettungspaketen. Wie wenig Alternatives der Merkel'schen (und nicht selten von fast allen Parteien getragenen) Politik gegenübersteht – jedenfalls im Mainstream der öffentlichen Diskussion.

Das Jahrbuch 2012/13 ist, wenig überraschend, fast ausschließlich der Finanzkrise gewidmet – einschließlich der fatalen Folgen, die sie für die soziale und demokratische Stabilität in Europa hat. Die Autoren der im Internet längst etablierten Nachdenkseiten – Albrecht Müller, Wolfgang Lieb und der glasklar analysierende Wirtschaftsjournalist Jens Berger – haben es geschafft, die „Euro-Rettung“ wie einen spannenden Episodenfilm zu erzählen. Nur leider ohne Happy End, aber das ist ja nicht ihre Schuld.

„Können Sie sich … erklären, warum seit Jahren ,gespart' wird (und zwar meistens auf Ihre Kosten) und die Schulden des Staates dennoch ständig steigen?“ Das ist eine Leitfrage dieses Buches, denn hinter ihr steckt der zentrale Fehler deutsch dominierter europäischer Finanz- und Wirtschaftspolitik: die systematische Verarmung der öffentlichen Hände und der Sozialsysteme, die nicht nur in Griechenland jede Konjunktur-Erholung zur Illusion werden lässt. Außer für Deutschland – solange es jemanden gibt, der unsere Exportprodukte kauft.

Wer im Buch durch die geschickt geordneten Beiträge aus dem Internetportal blättert, kann die Geschichte des neoliberalen Euro-Projekts auf durchaus kurzweilige Weise nachvollziehen. Portioniert in Einzelteile, aber als insgesamt schlüssige Gesamtkomposition.

Besonders angenehm dieses Mal: Es fehlt der Hauch von Besserwisserei, der den Nachdenkseiten gelegentlich unterlief. Auch wer den eher linken Ansatz der Autoren nicht teilt, sollte sich einen Winternachmittag für das „kritische Jahrbuch“ reservieren. Hier kann man noch etwas lernen – und vielleicht bald die eigene Stimme nutzen, um andere ein wenig aufzuklären. Wer aber fürchtet, angesichts all der Kritik könnte ihn der Griesgram übermannen, der schaut einfach mal in Kapitel acht. Es heißt „Bange machen gilt nicht“.

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