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26. Januar 2013

Ausgelesen: Eine Kampfschrift für Pussy Riot

 Von Dirk Pilz
Die Mitglieder der russischen Punkband Nadeschda Tolokonnikowa (l) und Maria Aljochina. Foto: dpa

Ein neues Buch schildert den Prozess gegen die russische Punk-Band in seiner ganzen Absurdität. Eine neutrale Analyse von Putins Russland ist es aber nicht.

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Am 17. August 2012 wurden drei Mitglieder des russischen Punk- und Performance-Gruppe Pussy Riot zu zwei Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Sie waren wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ angeklagt, wochenlang beherrschte der Fall die Weltpresse, und die Bandmitgliederinnen wurden so gefeierten Pop-Ikonen. Das Urteil für eine von ihnen, Jekaterina Samuzewitsch, wurde später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt; der Antrag von Marija Aljochina auf Haftaufschub wegen des jungen Alters ihres Kindes wurde kürzlich abgelehnt.

Das aber ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, vielmehr dass dieser Prozess nicht nach strafrechtlichen, sondern einzig nach politischen Kategorien geführt wurde. Denn der Auftritt von Pussy Riot im Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale war strafrechtlich betrachtet allenfalls eine mittelschwere Ordnungswidrigkeit.

Weil die Gruppe damals ein sogenanntes Punk-Gebet mit der Textzeile „Jungfrau Maria, räum Putin aus dem Weg!“ vortrug, und weil sie mit der Wahl des Ortes die unheilige Allianz von russisch-orthodoxer Kirche und Politik anklagten, wurde ihr Auftritt zu einer Provokation für die Machthaber: Die kurze, lediglich 40 Sekunden dauernde Performance demaskierte das System Putin, ließ es korrupt und denkbar undemokratisch aussehen. Deshalb, nur deshalb kam es zu diesem Schau-Prozess.

Jetzt versammelt ein schmaler Band jene Dokumente, die das Skandalöse des Prozesses offenlegen. Briefe der Bandmitglieder aus dem Untersuchungsgefängnis, das Plädoyer der Staatsanwaltschaft und die der Pussy-Riot-Verteidiger, die Ansprachen der drei Frauen vor Gericht und mehrere ihrer Gedichte.

Aufruf zur Rebellion

So darf man etwa das Schlussplädoyer der Pussy-Riot-Verteidigerin Violetta Wolkowa lesen: „Man hat im Augenblick das Gefühl, wir befänden uns nicht im Russland des 21. Jahrhunderts, sondern in einem Paralleluniversum, in einem Märchen wie ‚Alice im Wunderland‘ oder ‚Alice hinter den Spiegeln‘.“ So ist es. Dass dieser Prozess mit erfundenen Akten, grotesken Unterstellungen und hanebüchenen Verfahrensfehlern geführt wurde, dass er Ausdruck einer autoritären Herrschaft sei und die Richter folglich nur Attrappen – man zweifelt keine Sekunde daran.

Das allerdings ist auch die Schwäche dieses kleinen Bandes. Man wünschte sich eine etwas distanziertere, kühlere Analyse der politischen Hintergründe. Nicht um Putins poststalinistisches System zu entschuldigen, sondern es genauer zu verstehen. Dieser Buch will aber vor allem eine Kampfschrift sein, ein flugschrifthafter Aufruf zur Rebellion; dafür ist es hervorragend geeignet.

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