Meinung
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03. Dezember 2011

Ausgelesen: Schluss mit privat

 Von Marin Majica
Christian Heller: Post-Privacy. Beck, München 2011. 173 S., 12,95 Euro.  

Ein Führer in das Leben in der schönen neuen Welt: Post-Privacy von Christian Heller.

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Christian Heller beginnt mit dem Ende. „Die Privatsphäre ist ein Auslaufmodell“, so lautet der erste Satz in seinem Buch „Post-Privacy“, und damit ist bereits vor der ersten Interpunktion alles Wesentliche gesagt. Die Privatsphäre alten Zuschnitts, dass sich also der Bürger vor dem Staat, der Kunde vor Unternehmen und der Mensch vor seinen Mitmenschen bei Bedarf zurückziehen und verbergen kann, das werde es in Zukunft dank des Internets nicht mehr geben. So schreibt es zumindest der Blogger Heller und nimmt den Leser mit in das Leben danach.

Während nun andere vielleicht erst einmal schlucken müssen ob dieser Erkenntnis, bevor sie die erbitterte Verteidigung des Alten fordern – es ist zuletzt eine Reihe solcher Bücher erschienen – gibt Heller den Kampf unumwunden verloren. Das begründet er zum einen damit, dass das Internet die Enthüllung aller denkbaren Daten befördere, und zwar nicht nur solcher, die von den Betreffenden selbst veröffentlicht werden; Algorithmen berechnen auch ohne ihr Zutun anhand von Korrelationen, was jemand mag, liest, denkt, kauft und begehrt. Ob ein Mann etwa homosexuell ist, lässt sich einer Studie des MIT zufolge schon an der Anzahl der offen-schwulen Männer in seinem Facebook-Freundeskreis ablesen. Zum anderen ist Privatsphäre historisch ein Ausnahmephänomen, wie Heller in einer nur skizzenhaften, trotzdem erhellenden Geschichte des Begriffes darstellt. Häufig genug herrschte in dieser Privatsphäre das genaue Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung, etwa für Frauen und Kinder in der Familie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Was Heller stattdessen nun aufziehen sieht, ist gewissermaßen ein Überwachungsstaat mit menschlichem Antlitz: Jeder beobachtet jeden, aber alle beobachten auch den Staat, der seine Daten herausgeben muss. In diesem Modell der „transparenten Gesellschaft“ kann niemand mehr ausgegrenzt werden, weil sich für jedes Interesse, für jede sexuelle Vorliebe, medizinische Problematik oder politische Einstellung ein Netzwerk von Gleichgesinnten findet. Das klingt nur oberflächlich nach einem naiven Lobgesang auf die allgemeine Nackheit und totale Öffentlichkeit. Sicher, manche der Gedanken in Hellers schmalem Band hätten durchaus etwas mehr Tiefe vertragen können, etwa die Idee, dass jeder Nutzer souverän Filter dafür ausbildet, was ihn wirklich angeht und interessiert, wenn alle alles von sich preisgeben. Anregend ist die Idee trotzdem.

Vielleicht sei er mitunter zu sehr ins Utopische verfallen, gesteht Heller am Ende seines Buches ein, Utopien hätten sich jedoch noch nie „ganz sauber verwirklicht“. Dystopien allerdings auch nicht. Das Ende bleibt also weiter offen.

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