Ganz im Zeichen des Abschieds steht die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Merkur, bei der die Herausgeber Karl-Heinz Bohrer und Kurt Scheel nach mehr als 30 Jahren ihren Dienst quittieren. War das 1947 gegründete Blatt ausdrücklich mit dem Auftrag versehen, dem Zivilisationsbruch der NS-Zeit etwas entgegenzusetzen, leitete Bohrer ab Mitte der 80er Jahre eine Art politisch-ästhetische Wende ein. Anlässlich der Wiedervereinigung kam es dann zum Bruch mit Jürgen Habermas, woran Bohrer in seiner Abschluss-Bilanz erinnert.
„Anfang Januar 1990 bekam ich einen Brief von Jürgen Habermas, in dem er seine Mitarbeit im Merkur aufkündigte. Der Grund war ein Konflikt, der sich nach dem Fall der Berliner Mauer über der Frage einer möglichen Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands zwischen Habermas und mir entwickelt hatte. Ich hatte ihm ein Plädoyer für eine solche Vereinigung geschickt, das im Januarheft 1990 erscheinen sollte. Auf diesen oder jenen kritischen Einwand gefasst, den ich für die endgültige Fassung vielleicht hätte berücksichtigen können, erreichte mich ein langer, dezidierter, ja beschwörender Appell, diesen Text nicht zu veröffentlichen. (…) Zurückblickend erkenne ich in diesem Zerwürfnis ein mich damals enttäuschendes, aber notwendiges Ereignis. (...) Notwendig war die Trennung deshalb, weil die zentralen politischen Themen, die sich in den Neunzigerjahren herausstellten, von Habermas und überhaupt der linken Öffentlichkeit einerseits und dem Merkur andererseits diametral entgegengesetzt beantwortet worden sind.“
Neben einer ästhetisch-politischen Rechenschaft geht es dem Co-Herausgeber Kurt Scheel in seiner Rückschau auch um die praktische Arbeit im Weinberg des Merkurs. Wie wurden Themen ausgewählt, Manuskripte abgelehnt oder angenommen? Scheel und Bohrer agierten als ungleiches Team. „Wenn in meinem Freundeskreis am Merkur herumgenörgelt wurde“, schreibt Scheel, „konnte ich immer wahrheitsgemäß behaupten, dass dieses Manuskript, wenn ich etwas zu sagen gehabt hätte, niemals veröffentlicht worden wäre; beziehungsweise dass der Herausgeber, wäre er nicht so verblendet gewesen, einen großartigen Essay, den ich akquiriert hatte, niemals hätte ablehnen dürfen. – Ich hatte es als Herausgeber dann leichter, mich vor dem Abrutschen in bloße Freundschaftsdienste zu schützen: Einem Freund gegenüber konnte ich die Ablehnung seines Manuskriptes immer Karl Heinz Bohrer in die Schuhe schieben, und Bohrer machte es genauso mit mir.“
Es ist unwahrscheinlich, dass auf dem ohnehin stark geschrumpften Markt für derlei Zeitschriften dieses Formats noch einmal ein Blatt reüssiert, das so lange aus der Hand von nur zwei Herausgebern kommt. Der nächste Heft ist aber schon in Arbeit. Neuer Herausgeber ist ab Januar der Philosoph und Kunstautor Christian Demand.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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