Es ist nicht allzu lange her, dass die Grünen und ihr ökologisches Wertekorsett als Auslaufmodell betrachtet wurden. Personell überaltert und auch politisch wie ideell in die Jahre gekommen. Erfolgreich gescheitert. Irgendwie. Eine Urwahl später feiert die Partei ihr großes Comeback. Die überraschende Wahl der nicht mehr ganz jungen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt (46) wirkt wie eine ökologisch ausgewogene Frischzellenkur. Auf Stern online wird derweil der Versuch unternommen, den grünen Einstellungswandel anhand des Führungspersonals kenntlich zu machen. „Roth steht für eine Partei, die es längst nicht mehr gibt. Eine Spitzenkandidatin Roth hätte die jungen, stürmischen Grünen aus den 80er Jahren repräsentiert. Die freilich gibt es seit langem nicht mehr, gab es schon zu Zeiten des Joschka Fischer nicht mehr. Und an die Seite eines Winfried Kretschmanns passt eine Claudia Roth schon gleich gar nicht. So großbürgerlich wird diese Frau nie werden.“ Für die sich plötzlich in der Rolle der Schmerzensfrau wiederfindende Roth scheint trotzdem alles gut zu werden. „Dennoch darf sich die Parteivorsitzende am Wochenende in Hannover auf eine Wiederwahl freuen, die brillant ausfallen wird. Dies nicht nur, weil es zu Roth derzeit keine überzeugende Alternative gibt.“
Etwas grundsätzlicher hat Johann Schloemann in der Süddeutschen Zeitung die Folgen der Urwahl gedeutet. Die Personaldebatte markiert zugleich auch das Bedürfnis nach einer Neuvermessung der politischen Mitte und den dazugehörigen Werten. „Das heißt nicht, dass das Bedürfnis unecht wäre: der Wunsch nach ein wenig Halt im Herkommen, nach ungezwungener, aber doch tröstlicher Verlässlichkeit, nach dem, was man postmaterielle Werte nennt. Sehr stark ist im gegenwärtigen Deutschland ein Mittelstand, nicht zuletzt in den Städten, der eine große lebensweltliche Liberalität mit solidarischer Moral verbinden möchte. Maximale Toleranz im Privaten, in der Gesellschaftspolitik, trifft da auf null Toleranz gegenüber Auswüchsen kapitalistischer Verantwortungslosigkeit. Seit den Erschütterungen der Finanzkrise sehnen sich diese Neo-Bürger noch mehr nach Mäßigung, Natürlichkeit, Fürsorge, mitunter auch nach den Resten der Tradition und etwas mehr Ordnung und Kontrolle.“
Und das soll alles etwas mit den Grünen zutun haben? Johann Schloemann findet, ja. „Dies sind nicht so leicht fassbare Stimmungen, die sich aber in der Parteipolitik und in Wahlentscheidungen niederschlagen können. Bestimmte Wähler, nicht nur bei den Grünen, dürften sich heute bei einer unprätentiös und vernünftig wirkenden, kirchlich engagierten, verheirateten Mutter zweier Kinder wie Katrin Göring-Eckardt wohler fühlen als bei der früheren Ton-Steine-Scherben-Mitarbeiterin Claudia Roth, deren Flippigkeit inzwischen etwas Gestriges hat. Und Jürgen Trittin ist ohnehin ein früherer Bürgerschreck, der längst ins seriöse Fach gewechselt ist.“
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