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18. September 2012

Auslese: Ignoranz der Intellektuellen

 Von Harry Nutt
Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo.  Foto: dpa

Die Chancen auf Toleranz für Islam-Kritik sind gering - dabei liegen der Arabische Frühling und der Hass auf den Westen nah beieinander.

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Der sogenannte Mohammed-Film, den bislang kaum jemand gesehen hat, hält die Diskursmaschine weiter in Gang. Ein Versuch, die Gefühlsausbrüche in der islamischen Welt zu erläutern, unternimmt Rudolf Chimelli in der Süddeutschen Zeitung. „Die Bereitschaft, auf Schmähungen der eigenen Heiligtümer oder auf Herabsetzung der Identität, auch wenn sie von unqualifizierter Seite kommen, gewaltsam zu reagieren, ist ins Unkalkulierbare gestiegen. Obgleich Blasphemie weder im Koran noch in der Überlieferung der Taten und Aussprüche des Propheten vorkommt, hat die islamische Rechtsprechung, die Scharia, den Begriff verfestigt. Sowohl Gläubige als auch Ungläubige können nach der islamischen Rechtsprechung zu Gotteslästerern werden.

Angriffe auf Glauben oder Glaubenspraktiken können Blasphemie sein, ob sie wörtlich oder schriftlich erfolgen. Die Entweihung oder das Verbrennen des Korans, wie sie gelegentlich religiöse Spinner in den USA vornehmen, gelten als besonders schwerwiegend. Als bekanntwurde, dass auf dem US-Stützpunkt Bagram bei Kabul Exemplare des Koran verbrannt wurden, angeblich irrtümlich, kamen bei Unruhen in ganz Afghanistan 30 Menschen ums Leben.“

Toleranz für Islam-Kritik?

Skeptisch ist Chimelli deshalb hinsichtlich einer Forderung nach einer Toleranz für Islam-Kritik. Die Oberschichten der islamischen Länder, so Chimelli, geraten zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Hinzu kommt ein demografisches Problem, das sich wiederum auf die soziale Dynamik in den arabischen Gesellschaften auswirkt. „Ohne das Millionenheer junger Männer, die nichts zu tun haben, gäbe es vielleicht gar keinen arabischen Frühling“, schreibt Chimelli. „Und auch keinen Hass auf den Westen.“

Schwere Defizite konstatiert der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Najem Wali indes aufseiten der arabischen Intellektuellen. In der taz schreibt er: „Nicht anders als die arabischen Potentaten und Präsidenten verhalten sich aber auch eine lange Reihe arabischer Intellektueller, die über Jahrzehnte hinweg ihre Zuflucht unter den Fittichen der Macht gesucht haben, um Ignoranz, Unwissenheit und Demagogie zu propagieren. Gemeint sind all jene offiziellen Sprachrohre im Getriebe der Macht, an den Spitzen der Kulturinstitutionen, die Chefs der Feuilletons der offiziellen Zeitungen, Leiter von Festivals, Konferenzen, Symposien und Komitees zur Verleihung von Literaturpreisen, in all den verschiedenen Bereichen von Kunst und Kultur.

So wie die Machthaber im politischen Bereich über einen Kontrollarm aus Polizei, Armee, Sicherheitskräften und Geheimdiensten verfügen, so können sie sich im kulturellen Bereich auf die Dienste von Intellektuellen als Vermittler verlassen.“ Das müsse nicht zwangsläufig durch eindeutige Lobhudelei geschehen, so Wali. Stattdessen werde ein Kampf der „arabischen Nation“ gegen Imperialismus und Zionismus heraufbeschworen.

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