Bis zum Beginn der Revolution 2011 berieten sie die Gläubigen bei der Glaubenspraxis: Gebetshaltung, Kleiderordnung, Speiseregeln waren ihr Metier. Seit in Ägypten ein islamischer Präsident an der Macht ist, der von den Salafisten unterstützt und gewählt wurde, schlagen sich die Gelehrten mit ganz anderen Problemen herum.
Willkommen in der Realpolitik!
Wie ist es beispielsweise mit dem Kredit des Internationalen Währungsfonds? 4,8 Milliarden Dollar hat Ägypten beantragt. Sie sollen der neuen Regierung Handlungsspielraum verschaffen. Doch Kredite sind nach der Vorstellung der meisten Islamgelehrten verboten. Den Salafisten galten sie als Teufelszeug. Bisher! „Salafisten lehnen IWF-Kredit ab“, titelte die unabhängige Zeitung Al Masry Al-Yaum noch am 22. August. „Kreditaufnahme aus dem Ausland ist Wucher“, sagte Younis Makhyoum, ein Mitglied des Führungskomitees der salafistischen Nour Partei. Er rief den Premierminister Hischam Qandil dazu auf, andere Wege zu finden Finanzmittel aufzutreiben, statt „Ausländern zu erlauben, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen“. Die Regierung solle Ausgaben reduzieren, eine strikte Sparpolitik betreiben und die islamischen Regelungen einführen, um „Spekulation an der Börse zu unterbinden“, so die Erläuterungen im Text.
Nachdem Präsident Mursi offiziell den Kredit beantragt hatte, schwenkten viele Salafisten um. Yasser Borhamy ein bekannter Prediger erließ sogar eine Fatwa zum Thema: „Er hat den geplanten IWF-Kredit für islamisch zulässig erklärt. Er verstoße nicht gegen das Zinsverbot. Die Zinsen betrügen nicht mehr als 1,1 Prozent und würden in Form einer Verwaltungsgebühr bezahlt. Insofern sei das Geld als Geschenk zu betrachten“, berichtet die unabhängige Tageszeitung Al Masry Al-Yaum am Montag. Natürlich ist diese Fatwa nicht unumstritten und so berichtete dieselbe Zeitung nur zwei Tage später: „Salafisten greifen Borhamy für seine Fatwa heftig an“. Allerdings haben die wichtigsten Gruppen, auch die Nour-Partei, dem Kredit zugestimmt.
Fraglich ist, wie die Salafisten mit dem nächsten Tabubruch von Präsident Mursi umgehen: Hat er doch eine Frau und einen Christen zu seinen Assistenten berufen. Die Internetzeitung al Mogir reagierte bereits: „Borhamy erlässt Fatwa, erklärt es für islamisch verboten Christen und Frauen in hohe Regierungsämter zu berufen“. Borhamy habe aber betont, dass nichts dagegen spreche, wenn ein Präsident Assistenten ernenne. Im Klartext heißt das: Es ist okay, dass auch zwei Salafisten zukünftig im Team des Präsidenten mitarbeiten.
Kein Wunder, dass es besonders im Internet von Salafisten-Witzen nur so wimmelt: Eine Karikatur zeigt einen bärtigen Mann im langen Gewand, der einen ideologischen Salto nach dem nächsten schlägt und sich so in seinem eigene Bart verknotet hat.
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