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16. Februar 2012

Auslese: Triumph des Klassensystems

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Das Bundesverfassungsgericht hat die hessische Regelung zur Bezahlung von Professoren für verfassungswidrig erklärt.  Foto: dpa

Das Urteil zum Professorensold wühlt die Kommentatoren auf. Neben Empörung und Wehmut findet man auch ungetrübte Freude.

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Derzeit bedarf es keines obskuren Bundespräsidenten, keiner Euro-Krise und keines Massakers in Syrien, um deutsche Journalisten in Rage zu versetzen. Es genügt eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Besoldung der Hochschullehrer, und die Kommentatoren werden von Gefühlsstürmen erfasst, die den einen oder anderen von ihnen wegzupusten drohen.

Die Ansicht der Karlsruher Richter, die Bezüge der Professoren seien vor ein paar Jahren unzulässig gesenkt worden, müssten also wieder etwas angehoben werden, veranlasst den Kommentator der taz zu einer sehr grundsätzlichen Betrachtung: „Die Kategorie der Angemessenheit in puncto Entlohnung ist, wenn es nicht um die Bemessung von wirklicher materieller Armut geht, nur aus der Klassengesellschaft heraus zu begreifen. Hier, im Kapitalismus ist es eben so: Als Professor ist man ein armes Würstchen, wenn man nicht in denselben Restaurants verkehren und die gleichen großen Autos fahren kann, die die Nachbarin fährt, die im Aufsichtsrat einer Fabrik sitzt. Er ist dann nämlich wirklich nichts. Der Mensch besteht heutzutage ja eh nur noch aus seinem Besitz, nichts anderes macht ihn aus. Und Besitz erhält seinen Wert erst im Vergleich. Dazu muss man sich dann verhalten. Angemessen.“

Nicht ganz so laut, aber kaum weniger besorgt, wenn auch aus anderen Gründen, betrachtet der Kommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Entscheidung. Was er sieht, lässt ihn Schlimmes befürchten für die Zukunft des Berufsbeamtentums in Deutschland: „Möglich ist mittelfristig auch, dass sich in Deutschland jene wachsende Strömung durchsetzt, die den Beamtenstatus ohnehin stark begrenzen will. Für öffentlich Angestellte, die netto weniger verdienen als vergleichbare Beamte und im Ruhestand schlechter gestellt sind, gibt es keine ‚hergebrachten Grundsätze‘. So wäre das Karlsruher Urteil dann der Anfang einer Ach-und-Weh-Besoldung, an deren Ende ein weitestgehender Verzicht auf Beamte bei Neueinstellungen stünde.“

Auch den Gefühlshaushalt des Kommentators der Süddeutschen Zeitung hat das Professoren-Urteil durcheinandergewirbelt. Aber wo seine Kollegen Empörung (taz) und Wehmut (FAZ) empfinden, verspürt Johann Osel ungetrübte Freude: „Niemand wünscht sich Faulpelze auf Professuren oder nicht in die Zeit passende weltfremde Gelehrtenzausel. Die fortschreitende Ökonomisierung hat derlei Biotope an den Hochschulen aber ohnehin schon weitgehend trockengelegt. Nach dem Urteil müssen die Länder nun das Grundgehalt anheben oder verlässliche Zulagensysteme schaffen, kurzum: investieren. Ansonsten besteht bald die Gefahr, dass sich das Leistungsprinzip mit seinem Kampf um die Köpfe selbst erledigt – und fähige Leute zunehmend nicht mehr in universitären Quasi-Unternehmen sitzen, sondern in den echten.“

Leistungsprinzip? Wenn das die Klassengesellschaft hört.

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