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29. Juli 2012

Auslese zum Göttinger Organspendeskandal: Wie Wertpapiere an der Börse

 Von Harry Nutt
 Foto: dpa

Vielleicht ließe sich der Organhandel wie die Börse organisieren - so könnte er legal werden. Natürlich ist das polemisch. Aber der ketzerische Gedanke lässt keinen Zweifel daran, das unser Organspendesystem einer Reform bedarf.

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Die ethischen Fragen und untergründigen Ängste, die das Nachdenken über Organspende und -Organtransplantation bestimmen, sind nirgends eindringlicher dargestellt worden als in Kazuo Ishiguros Roman „Alles, was wir geben mussten“. Die Ich-Erzählerin berichtet aus einem britischen Internat, in dem junge menschliche Klone eigens dafür aufwachsen, später als Organspender zu dienen. Die besondere Erzählperspektive und die ängstigend schöne Sprache des japanisch-britischen Schriftstellers Ishiguro trägt dazu bei, in den Spendern nicht nur die Opfer einer unmenschlichen Moral der Ausbeutung im buchstäblichen Sinn zu sehen.

Der Göttinger Transpantationsskandal, bei dem zwei Ärzte im Verdacht stehen, Patientendaten manipuliert zu haben, um ihre Patienten unberechtigter Weise auf der Warteliste für Spenderorgane weiter nach oben zu schieben, hat eine heftige Debatte über das Organspendesystem und seine Verfahren ausgelöst. Rainer Hank, Wirtschaftschef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat nun den Vorschlag durchgespielt, den Organhandel wie einen Markt von Wertpapieren zu organisieren. Er verspricht sich davon, den von intensiven kriminellen Energien begleiteten Organhandel zu legalisieren. An einer streng regulierten Börse, so Hanks Überlegung, würde sich ein Preis bilden. Je mehr Verkäufer sich fänden, um so bezahlbarer wären die Organe. Damit nicht nur reiche Leute sich ein neues Organ leisten können, müsste die Transplantation von den Versicherungen und Kassen finanziert werden.

Der Wirtschaftsjournalist Hank weiß nur zu gut, welch Zündstoff sein Vorschlag zu einer transparenten Ökonomisierung des Organhandels enthält. Und so will er sein Gedankenspiel auch als Erweiterung einer allzu verengt geführten gesundheitspolitischen und juristischen Diskussion verstanden wissen.

„Weil gesellschaftlich eine Organbörse kaum akzeptiert wird, bleibt als Ausweg nur, das Design des Spendens (also nicht Verkaufens) zu verbessern. Aus guten Gründen hat der deutsche Gesetzgeber sich nicht für ein sogenanntes Opting-Out-Modell entschieden, wonach jeder Deutsche automatisch zum Spender würde, der das nicht explizit untersagt. Eine solche Trickserei verspottet die menschliche Freiheit. Doch das jetzt beschlossene Gesetz, wonach alle Deutschen von ihrer Kasse über ihre Spendenbereitschaft befragt werden müssen, wird, weil gänzlich ohne Anreiz, das Organangebot nicht erhöhen.“ Und so mündet Hanks Beitrag in einer Art Gesellschaftsvertrag. „Besser und fairer wären freiwillige Verträge, die auf Gegenseitigkeit beruhen: Wer sich als potenzieller Spender bekennt, wird bevorzugt behandelt, wenn er selbst ein Organ braucht. Ein solches, nicht an scheinbar objektiven medizinischen Notwendigkeiten orientiertes Zuteilungssystem würde zudem den kriminellen Medizinern ihr böses Geschäft kaputt machen.“

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