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30. September 2012

Beschneidungsdebatte: Aus der Sickergrube

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Zeichen gegen Antisemitismus: Demonstration in in Berlin (Foto vom 15.09.2012). Foto: dpa

Die nichtjüdischen Deutschen haben endlich ihre Perspektive erweitert: Die deutschen Juden werden von ihnen nicht mehr nur als Opfer betrachtet – sondern auch als Täter.

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Es gibt keine deutschen Juden, es gibt – genauer: bisher gab es – nur deutsche Juden, die zu Opfern wurden. Jahrzehntelang war von deutschen Juden in Deutschland nur die Rede, wenn nichtjüdische Deutsche an einschlägigen Feiertagen zur Erinnerung an die Morde zusammenkamen, die das deutsche Volk an sechs Millionen Juden begangen hat. Oder sie fanden sich als Opfer aktueller antisemitischer Aufwallungen in der Zeitung wieder: wie jüngst in Berlin ein Rabbi, der vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen wurde, wie jüngst in Berlin eine Gruppe jüdischer Schülerinnen, die auf offener Straße angepöbelt wurde, wie jüngst in Berlin eine jüdische Familie, der ein Taxifahrer die Fahrt zur Synagoge verweigerte, wie jüngst in Berlin der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, der nach dem Besuch einer Synagoge bedroht und beleidigt wurde.

Thema: Beschneidung

Beschneidung an Jungen - Körperverletzung oder harmloser Eingriff? Diskutieren Sie mit.

Die jüdischen Deutschen haben sich ebenso lange wie vergeblich gegen die Rolle als Opfer gewehrt, in der sie die nichtjüdischen Deutschen ausschließlich zur Kenntnis nahmen. In diesem Sommer aber wurden sie erhört. Die nichtjüdischen Deutschen haben endlich ihre Perspektive erweitert: Die deutschen Juden werden von ihnen nicht mehr nur als Opfer betrachtet – sondern auch als Täter.

Seit eine Strafkammer des Landgerichts Köln die Beschneidung zur gefährlichen Körperverletzung erklärte, haben es die nichtjüdischen Deutschen schriftlich: In einem Akt blutiger Barbarei verstümmeln die Juden ihre acht Tage alten männlichen Säuglinge, ausgerechnet auf deutschem Boden. Aber nicht die Kölner Richter tragen die Verantwortung dafür, dass die Mehrheit der nichtjüdischen Deutschen jüdische Eltern – von muslimischen Eltern hat sie es schon immer geahnt – inzwischen als erbarmungslose Kinderschänder betrachtet, die in ihrem religiösen Wahn den Säugling unters Messer schicken.

Verfassungsrechtliche Inkompetenz

Die kleine Strafkammer hat lediglich ein Fehlurteil gesprochen, dessen einziger tragender Grund in der verfassungsrechtlichen Inkompetenz der Richter besteht. Selbstverständlich erstreckt sich das grundgesetzlich geschützte Erziehungsrecht der Eltern auf ihre Einwilligung in die Beschneidung. Nach einer Studie der American Academy of Pediatrics, in der 60.000 US-amerikanische Kinderärzte zusammengeschlossen sind, kam es in den USA in den vergangenen 15 Jahren nur in 1,5 Prozent der Beschneidungen an Säuglingen zu Komplikationen, das Risiko schwerer Komplikationen betrug 0 (in Worten: null) Prozent. Die Kölner Richter haben weder derartige Studien beachtet noch das Verfassungsrecht.

Aber die hysterische Wut, mit der Teile der deutschen Öffentlichkeit seit Monaten das Ende der „blutigen Barbarei“ verlangen, ist mit der Entscheidung allein nicht zu erklären. Es hat rund 4000 Jahre gedauert, bis deutsche Ärzte im Sommer 2012 die Beschneidung als Verbrechen entlarvten. Das lässt sich natürlich damit entschuldigen, dass es in Deutschland nicht schon seit 4000 Jahren Ärzte gibt. Aber die verzögerte Reaktion der deutschen Kinderärzte wird noch besser verständlich, wenn man weiß, dass sie auch bei anderen Verbrechen sich Zeit zur Aufklärung zu lassen pflegen.

Es dauerte beispielsweise bis September 2010, bis sich die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in einer Erklärung „in Demut vor den Opfern“ verneigte, das heißt vor den mehr als 10.000 Kindern und Jugendlichen, die während der Nazi-Zeit mit Hilfe von deutschen Kinderärzten als „lebensunwertes Leben“ vernichtet wurden. Von „Entsetzen“ war in der Erklärung keine Rede. Dieses Gefühl blieb dem Präsidenten des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Wolfram Hartmann, vorbehalten, nachdem er vor einigen Tagen erfahren hatte, dass die Beschneidung in Deutschland wie in der Vergangenheit, so auch in Zukunft rechtmäßig bleiben werde.

Fanatische Debatte

Die Wut der Debatte hat sich noch einmal gesteigert, nachdem der entsprechende Entwurf des Justizministeriums bekanntgeworden war. Sie wird fanatisch, wenn von den unverkennbar antisemitischen Zügen die Rede ist, die sie zunehmend bestimmen. Antisemitismus? Wieso Antisemitismus?

Die Grünen-Politikerin und Vorsitzende von Terre des Femmes, Irmingard Schewe-Gerigk, hat gesagt: „Auch die Witwenverbrennung ist schließlich überwunden worden.“ Das hat die Witwenverbrennung – wie an diesen Worten sehr schön zu erkennen – der Dummheit voraus. Schewe-Gerigks Satz ist die Blase einer Sickergrube, in deren Bodenschlamm der Antisemitismus ruht.

Wie gesagt: Mit der Opferrolle der deutschen Juden ist es vorbei. Ein Teil der nichtjüdischen Deutschen will sie endlich als Täter auf die Bühne schicken.

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