Wir sind kein kinderfreundliches Land. Hier klagen gut betuchte Anwohner gegen die Eröffnung einer Kindertagesstätte in ihrem Wohngebiet, dort setzt sich ein Hotelbesitzer damit durch, dass Kinder in seinem Haus nicht erlaubt sind. Mancherorts klebt an Ladentüren das Schild, das neben Eistüten und Hunden auch Eltern mit Kinderwagen verbietet. Auf der Potsdamer Schlössernacht am vorigen Wochenende fragt ein Ehepaar, ob die spielenden Kinder den vollen Eintritt gezahlt hätten oder ob der Lärm, den sie veranstalteten, gratis sei.
Wir pflegen eine Kultur, die Kinder vom Erwachsenenleben ausschließt und dafür Erwachsene zu Kindern macht, wenn sie mit ihrem Nachwuchs Krabbelstunden und Spielcafés besuchen. Ein Flickenteppich, auf dem sich die Felder für Kinder und die für Erwachsene kaum überschneiden.
Mit Kindern kann man die komischsten Sachen erleben. In vielerlei Hinsicht.
Da ist zum Beispiel das kleine blonde Mädchen, das seit drei Jahren jeden Nachmittag allein durch den Berliner Volkspark streift. Rosa Kniestrümpfe, Goldsandalen, kurzer Rock, enges T-Shirt, auch im Winter keine warme Jacke. Ohne Aufforderung erzählt sie, wo sie zur Schule geht, dass sie gern mit viel Blubberschaum badet, abwechselnd bei Mama und bei Papa wohnt, für keine Wohnung einen Schlüssel hat und oft nicht weiß, bei wem sie in der nächsten Nacht schläft. Plötzlich streckt sie die Arme aus und möchte „bekuschelt“ werden. Das Jugendamt weiß Bescheid.
Oder der Kindergeburtstag in Berlin-Marzahn: Das Geburtstagskind in schmutziger Unterhose empfängt seine kleinen Gäste in einem Kinderzimmer, in dem das einzige Möbelstück eine feuchte Matratze ist. In der Küche streitet sich die Mutter darüber, ob ihr neuer Lebensgefährte den Sohn züchtigen darf oder nicht.
An der Supermarktkasse: Die Kassiererin klärt einen Grundschüler darüber auf, dass sie ihm kein Bier verkaufen darf. Als er in Tränen ausbricht, gibt sie nach. Ist ja keinem geholfen, wenn sie hier Gesetze durchsetzt und er dafür zu Hause Prügel kassiert.
Sind das Einzelfälle oder die extremen Auswüchse einer Gesellschaft, in der Kinder ein Störfaktor sind? In der alles seinen Zuständigkeitsbereich, seinen Platz hat, bis es so viele Zuständigkeiten und Plätze gibt, dass man nur noch Grenzen und Mauern sieht. Wer will hier wem Bildungsgutscheine in die Hand drücken? Wer bringt das Kind, das allein durch die Gegend zieht, zum Schwimmunterricht oder zur musikalischen Früherziehung? Gibt es so etwas auf dem flachen Land überhaupt? Sind unsere Vorstellungen von Ordnung, Sauberkeit und Erziehung spießbürgerlich und können gar nicht auf jeden angewandt werden? (So wie das Recht auf selbstbestimmtes Leben ja auch nicht für alle Mädchen in diesem Land gilt.) Werden arme Kinder durch Bildungsgutscheine stigmatisiert?
Während wir diskutieren und das Jugendamt einmal die Woche in der verwahrlosten Wohnung Ratschläge gibt, muss Ursula von der Leyen nicht explizit zuständig sein, um Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Bildungsgutschein erinnert sie daran, was einem Kind neben einem Regelsatz noch alles zusteht. Das ist ein guter Anfang. Gelöst werden unsere Probleme aber nur, wenn aus dem Stückwerk endlich ein Ganzes wird. Und es für alle Kinder (und ihre Eltern) in diesem Land wieder Platz gibt. Statt Grenzen.
Ricarda Junge ist Schriftstellerin.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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