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23. Dezember 2013

Börse, Konzerne & Manager: Der Quartalsirrsinn und die Folgen

 Von Albert Nußbaum
Eine Kursänderung in Unternehmen lässt sich nicht per Knopfdruck verordnen - sie braucht Zeit.  Foto: dpa

Der kurzatmige Rhythmus der Börsen eliminiert den Faktor Zeit, den Manager brauchen, um eine Firma führen zu können. Für Konzerne, ihre Struktur und Kultur hat das dramatische Auswirkungen. Ein Gastbeitrag.

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Das Denken in vierteljährlichen Berichtszyklen der Börsen wird von nachhaltig arbeitenden Unternehmern schon immer mit Unverständnis und Argwohn verfolgt. Oft sind es Inhaber von Familienunternehmen, die in Generationen denken und deshalb eine solide gesicherte Zukunft dem kurzfristigen Klingeln in der Kasse den Vorzug geben. Mittlerweile schließen sich auch immer mehr Manager aus eigener leidvoller Erfahrung dieser Einschätzung an. Sie merken, dass sowohl ihre eigenen Gestaltungsmöglichkeit als auch die Leistungskraft des Unternehmens gelähmt ist.

In erster Linie reagieren die Börsen auf scheinbar eindeutige Zahlen, wie sie in Quartalsberichten geliefert werden. Bei der Betrachtung des reinen Zahlenwerkes schlägt dann eine schlichte gut-oder-schlecht-Logik zu. Verschärft wird dies noch durch eine oft überzogene Erwartungshaltung.

Keine idealtypischen Märkte

Die Börsen sind eben keine reinen, idealtypischen Märkte, sondern auch ein System der großangelegten Spekulation auf Basis subjektiver Einschätzungen und Wünsche. Entsprechend graust es vielen Managern vor der Veröffentlichung ihrer Quartalsberichte, weil sie mitunter schon kleinste Ausschläge umfassend kommentieren und erklären müssen, um nicht in den Verdacht des Versagens zu geraten. Diese Rechtfertigungssituation ist aber rückwärtsgewandt, denn die Quartalszahlen spiegeln in erster Linie Vergangenheitswerte wider, und die Ursachen vieler Effekte liegen oft im Unklaren.

Das noch größere Problem für Manager in der Quartals-Taktung ist allerdings die „Strategiefrage“, die meist nicht lange auf sich warten lässt. Ist die Strategie des Vorstandes die richtige? Hat nicht ein Wettbewerber bessere Zahlen fürs Quartal vorgelegt, und dadurch die Überlegenheit seiner Strategie bewiesen? Und ist nicht ein umgehender Strategiewechsel erforderlich, um das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen?

Die Auswirkungen dieser Kurzatmigkeit für das Unternehmen, seine Struktur und seine Kultur sind dramatisch. Die Überlebensfähigkeit von Unternehmen, die rein nach Quartalsergebnissen geführt werden, beruht meist mehr auf Größe und Verdrängungskraft, denn auf dem jeweils kurzfristig eingeschlagenen Kurs. Noch schlimmer: Wachstum resultiert oft nicht aus Innovation und Kreativität, sondern aus Kostenoptimierung und gelegentlich sogar aus schlichter Zahlenmanipulation.

Reiche Beute in ferner Zukunft

Gerade börsennotierte Unternehmen gleichen häufig den großen Tankern, die die Weltmeere befahren. Und mit der Größe des Schiffes nimmt eben auch der Wendekreis zu. Selbst wenn also der Kapitän das Ruder herumreißt, ist damit noch gar nichts gewonnen. Denn solch hektische Steuerungsmanöver bergen nicht selten das Risiko einer Havarie. Und Mitarbeiter bekommen unmittelbar den Eindruck, dass die Brücke die Orientierung verloren hat. Entsprechend zurückhaltend ist die Begeisterung im Mannschaftsraum.

Die meisten wissen aus Erfahrung, dass sich der Kurs auch rasch wieder ändern kann, und das Unternehmen dann erst einmal wieder zurück muss. Die Gewinner-Strategie in einer solchen Kultur lautet: bloß nicht zu weit bewegen, wenn sich die Richtung ständig ändert. Die Folgen sind eine verbreitete Antriebs-und Bewegungslosigkeit im Unternehmen, weshalb diese wiederum gerne der Versuchung erliegen, althergebrachte Motivationsmechanismen der frühen Seefahrt zu mobilisieren. Dazu zählt die Angst vor dem Untergang genauso wie das Versprechen auf reiche Beute in einer fernen Zukunft. Im Ergebnis muss man jedoch feststellen, dass auch dies keine besonderen Effekte erzeugt. Unternehmen, die sich rein an Quartalsergebnissen ausrichten, sind deshalb faktisch unführbar.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe für Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Nur unterliegt das Management eben einer Fiktion von Führbarkeit, wenn es glaubt, eine Kursänderung im Unternehmen per Knopfdruck verordnen zu können, auf dass diese sich dann unmittelbar im Unternehmen einstelle. Denn keine Organisation ist in dieser Form flexibel, belastbar und anpassungsfähig. Kurswechsel müssen für Mitarbeiter vermittelt, herunter gebrochen und in kleinen Schritten operationalisierbar gemacht werden. Und das benötigt Zeit. Also genau den Faktor, den der Quartalsrhythmus der Börsen eliminiert.

Vernünftiger Umgang mit der Börse

Und die Flexibilität, die sich Manager in der Steuerung in der Organisation wünschen, benötigen eigentlich die Mitarbeiter am ganz anderen Ende der Befehlskette, nämlich diejenigen am Markt und im Kundenkontakt. Denn weit bevor eine Börse oder ein Aufsichtsrat Notiz von einer neuen Entwicklung nimmt, wird diese schon von den Kunden und vom Markt an das Unternehmen herangetragen. Überlegen ist also genau nicht die hierarchisch bis ins letzte Glied strukturierte Organisation, die vermeintlich auf Kommando von oben einen unmittelbaren Schwenk ausführen kann. Vielmehr sind die Unternehmen erfolgreich, die auf Basis einer klaren Wertehaltung und einer nachhaltigen Strategie die Veränderungsanforderungen von außen aufnehmen und praktisch umsetzen. Solche Unternehmen benötigen dann keine plötzlichen Wendemanöver.

Das alles spricht nun nicht gegen die Existenz der Börse per se. Es spricht aber für den vernünftigen Umgang mit diesem Marktplatz und Spekulationssystem Börse. Für verantwortliche Manager bedeutet dies, dem kurzfristigen Druck der Börsen standzuhalten, um der eigenen Mannschaft den Rücken frei zu halten.

Dr. Albert Nußbaum ist Deutschland-Geschäftsführer und Head of Central Europe bei der internationalen Personalberatung Mercuri Urval Wiesbaden.

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