Um im Bild zu bleiben: Mit der Kreide, die Angela Merkel gefressen hat, hängt dieser Prozess wahrscheinlich direkt zusammen. Als sie 2005 mit einem Wahlkampf des radikalen Neoliberalismus fast gescheitert war, rückte die CDU-Chefin in die Mitte - erst in der großen Koalition mit der SPD, jetzt notfalls auch mal gegen die FDP. Die "Kanzlerin aller Deutschen" glaubte, spätestens mit der demütigenden Niederlage der Sozialdemokraten im vergangenen Jahr könne sie die CDU zur letzten Volkspartei, zum Wohlfühl-Angebot für alles und jeden machen.
Dass dabei auch einiges an Modernisierung heraussprang, vor allem im Familienbild, das dürfte gar nicht ihr Ziel gewesen sein, sondern eher Mittel zum Zweck: vom öffentlich präsentierten Profil so viele Ecken und Kanten abzuschneiden, dass sich möglichst keiner mehr daran stößt. Oder jedenfalls so wenige, dass die Union als letzte 40-Prozent-Partei übrig bliebe und sich ihre kleinen Partner künftig aussuchen könnte. Ihr Irrtum bestand in Folgendem: 2005 war das Ergebnis nicht deshalb mau, weil Merkel eine klare Politik vertrat. Es war einfach die falsche. Darauf mit Nicht-Politik zu reagieren, erweist sich allerdings jetzt als ebenso falsch.
Dass sie damit - ideologisch sozusagen umgekehrt, aber in ganz ähnlicher Weise - Gerhard Schröders historischen Fehler wiederholte, merkte Merkel nicht, oder sie unterschätzte das Risiko. Schröder hatte während seiner zweiten Legislaturperiode die SPD von zentralen Positionen in der sozialen Frage "befreit". Er hatte das Profil so lange wegpoliert, bis keiner mehr wusste, woran er sich halten sollte bei dieser Partei. Das Ergebnis kennen wir.
Genau den gleichen Prozess hat Merkel - spätestens mit dem Abgang von Oettinger und Koch - nun auch in ihrer Partei erfolgreich abgeschlossen. Und siehe da: Wieder zeigt sich, dass das Wahlvolk sich unter einer "Partei" etwas anderes vorstellt. Womöglich genau das, was sie sein sollte: der organisierte Ausdruck einer bestimmten Vorstellung - vielleicht gar, um das verpönte Wort zu gebrauchen, "Vision" von unserer Gesellschaft, wie sie sein sollte. Nicht, dass eine Roland-Koch-CDU etwas Wünschenswertes wäre. Aber eine konservative Idee vom sozialen Zusammenhalt, die über das erfolgreiche Verwalten von Krisen hinausgeht, würde uns das Wählen ebenso erleichtern wie ein linkes, soziales und in gesellschaftlichen Fragen liberales Konzept.
Nun also stehen sich zwei "Volksparteien" gegenüber, die genau diesen Anspruch aufgegeben haben. Die in der Meinung, der vermeintlichen Mehrheit nach dem Munde zu reden, für die große Mehrheit uninteressant geworden sind.
Dass es Grünen und Linken vor diesem Hintergrund vergleichsweise am besten geht, ist kein Wunder. Denn neben der FDP, die allerdings für ihre ideologische Verranntheit bestraft wird, sind sie die einzigen Parteien, denen sich ein klares Profil noch zuschreiben lässt. Und die - wenn auch längst nicht immer überzeugend - zeigen, dass sie erst Ziele im Auge haben und dann Mehrheiten, die dafür zu gewinnen wären. Und nicht Mehrheiten statt Inhalten.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.