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Bundespräsidentenkandidaten: Spiegelbild des Jammers

Die Linke hat ihre Chance verpasst. Ihr Votum für Gauck hätte die Partei groß aussehen lassen, souverän und ausgesöhnt mit der Vergangenheit. Eine Analyse von Christian Bommarius

Die Linke nominiert Luc Jochimsen für das Amt des Bundespräsidenten.
Die Linke nominiert Luc Jochimsen für das Amt des Bundespräsidenten.
Foto: dpa

Wenn ein Mensch morgens in den Spiegel schaut und der Mensch, der ihm daraus entgegenstarrt, ihn mit Abscheu, Ekel und Entsetzen erfüllt, dann ist natürlich der Spiegel schuld. Joachim Gauck ist für die Partei, die sich heute Die Linke nennt, jahrelang ein Spiegel gewesen, und selbstverständlich hat der Partei das Bild, das er von ihr zeigte, nicht behagt.

Neben allem, was die ehemalige SED in den Jahren nach der Wiedervereinigung sonst noch gewesen sein mag, war sie damals auch ein Sammelbecken für frühere haupt- und nebenamtliche Spitzel der verdampften Diktatur. Dass diese nicht in der Anonymität der Nachfolgepartei der SED verschwanden, sondern sichtbar wurden und zur Verantwortung gezogen werden konnten, war der Stasi-Akten-Behörde zu verdanken, deren erster Chef Gauck zehn Jahre lang gewesen ist.

Rückblick

Das Bild von Lügnern und Denunzianten, Intriganten und Verrätern, das dieser Spiegel der Partei entgegenwarf, hat sie Joachim Gauck lange nicht verziehen. Offenbar bis heute nicht.

Gesine Lötzsch, Chefin der Links-Partei, hat beteuert, Gauck sei ein Mann der "Vergangenheit" und komme deshalb nicht als wählbarer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten in Betracht. Möglicherweise hat sie nur auf das Alter Gaucks verweisen wollen, der sich mit 70 Jahren wirklich nicht als Vertreter der Jugend ins Rennen um das Präsidentenamt begibt. Doch hat nun die Links-Partei in Luc Jochimsen eine Kandidatin präsentiert, die mit 74 Jahren schon recht deutlich dem erhabenen Bezirk des Greisentums entgegenschwebt.

Das Spiel ist aus

Einerseits ist nicht zu übersehen, dass Joachim Gauck im Vergleich mit dem 50-jährigen Kandidaten der Union, Christian Wulff, so frisch und verspielt wirkt wie ein Bernhardiner-Welpe. Andererseits ist ebenfalls nicht zu verkennen, dass ein dem äußeren Eindruck abgerungener Fitness-Vergleich zwischen Gauck und Jochimsen schlicht unmöglich ist. Denn abgesehen von den Mitgliedern der Links-Fraktion im Bundestag, der sie als kulturpolitische Sprecherin angehört, weiß kaum ein Mensch, wie Jochimsen heute wohl aussehen mag.

Reifere Fernsehzuschauer werden sich Jochimsens, die später Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks wurde, vielleicht noch als ARD-Korrespondentin erinnern. Aber vielleicht auch nicht. Am 30. Juni werden die Kameras sie noch einmal zeigen. Luc Jochimsen wird im ersten Durchgang zur Wahl des Bundespräsidenten die Stimmen der Links-Fraktion bekommen. Dann ist sie aus dem Spiel.

Dieses Spiel hätte die Linke schon vor der Wahl souverän für sich entscheiden können. Hätte sie sich überwunden, auf eine eigene Kandidatin verzichtet und den Ost-Deutschen Joachim Gauck gemeinsam mit SPD und Grünen zu ihrem Kandidaten erklärt, hätte sie einen bemerkenswerten Erfolg für sich verbuchen können - selbst wenn der nächste Bundespräsident Christian Wulff heißen sollte.

Die Linke hätte dann endlich den Nachweis erbracht, wirklich im Westen angekommen zu sein. Diese Ankunft entscheidet sich nicht durch den Einzug in möglichst viele westdeutsche Länderparlamente. Sie gelingt oder scheitert im Kopf. Joachim Gauck als Kandidat der Links-Partei hätte bedeutet: Die Partei hat sich ausgesöhnt mit der Vergangenheit und vertraut dem, der ihr die Aussöhnung ermöglicht hat - Joachim Gauck.

Autor:  Christian Bommarius
Datum:  8 | 6 | 2010
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