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Cern: Europas Urknall

Forscher in Genf nehmen die größte Maschine in Betrieb, die Menschen je gebaut haben. Manche fürchten das Schlimmste für die Erde. Aber die Wissenschaftler verdienen Vertrauen, sagt FR-Wissensredakteur Karl-Heinz Karisch. Interaktive Grafik: Der Teilchenbeschleuniger

Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Karl-Heinz Karisch ist Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Zwei Seelen wohnen, ach! in unsrer Brust. Der Mensch will Grenzen überschreiten, das unentdeckte Land erforschen, aus dem es manchmal keine Wiederkehr gibt. Und er hat Scheu vor dem Fremden, dem Ungewissen, der Gefahr. Es sind diese zwei Pole im Charakter, die den Homo sapiens zur erfolgreichsten, aber auch zur zerstörerischsten Spezies auf unserem Planeten haben emporsteigen lassen.

Von heute an streckt der Mensch am Superbeschleuniger bei Genf erneut die Hand aus in ein fremdes Land. Die experimentelle Reise soll zum Anbeginn des Universums führen, zum Urknall. Teilchen mit seltsamen Namen wie Higgs, Gluonen oder Hadronen werden dort die Physiker begeistern. Gleichzeitig schleicht via Internet die Angst vor möglicherweise im Beschleuniger entstehenden Schwarzen Löchern um den Erdball. Der ist angeblich in Gefahr, verschlungen zu werden. Erste Morddrohungen gegen Wissenschaftler sind bekanntgeworden. Warum stoppt kein Politiker diesen Wahnsinn?, fragen besorgte Leser.

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Reportage: Die Physiker wollen in Genf das Geheimnis des Urknalls ergründen. Manche Forscher befürchten, dass dabei winzig kleine Schwarze Löcher entstehen. Kleine Schwerkraftmonster, die die Erde verschlingen. Die Alarmrufe der Skeptiker haben weltweit Beachtung gefunden. Das Cern-Experiment - eine Reportage von Karl-Heinz Karisch.

Interaktive Grafik: Der Teilchenbeschleuniger

Die Antwort ist einfach. Die besten Experten sitzen am Europäischen Labor für Teilchenphysik Cern. Und die sind nach eingehenden Berechnungen zu dem Schluss gekommen, dass keine Gefahr besteht. Weder die verantwortlichen Politiker noch wir Journalisten können seriös nachrechnen, was diese Handvoll von Wissenschaftlern nach bestem Wissen verkündet hat. Wir möchten ihnen aber vertrauen.

Das bedeutet kein gleichgültiges Abnicken einer Forschung, die ohnehin nur wenige Menschen nachvollziehen können. Aber wir sollten doch so viel Courage aufbringen, eines der faszinierendsten Experimente in der Geschichte der Menschheit nicht zu stoppen, ehe es begonnen hat. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hatten europäische Politiker den Mut, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg viel Geld für wissenschaftliche Experimente lockerzumachen und das Europäische Labor für Teilchenphysik Cern zu gründen. Das war damals reinste Grundlagenforschung, damit war kein Geld zu verdienen. Berechtigte Angst hatte man seinerzeit eher vor Atombomben.

Dieser Mut der damaligen Politiker zur Zukunft ist ohne Frage reich belohnt worden. Es war eines der ersten Vorhaben europäischer Zusammenarbeit - über alle Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Die Teilchenphysiker von Genf waren so erfolgreich, dass sogar die USA vor einigen Jahren ihren eigenen geplanten Großbeschleuniger begruben und sich mit einigen hundert Millionen Dollar in die Genfer Labors einkauften. Heute arbeiten dort Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen. Cern ist einer der frühen Kristallisationspunkte für die Erfolgsgeschichte der Einigung Europas - und darüber hinaus. In Zeiten, in denen Politiker-Bashing in Mode ist, sollte ein Rückblick auf die Visionäre der 1950er Jahre neuen Mut machen.

Es mag nicht immer einfach sein zu erklären, welchen praktischen Nutzen für die Menschen die neue Anlage am Cern haben wird. Rund drei Milliarden Euro sind dafür ausgegeben worden, das ist eine Menge Geld. Dennoch zeigt die Vergangenheit, dass das Geld meist gut investiert worden ist. Wer weiß schon noch, dass ausgerechnet am Cern das World Wide Web programmiert worden ist, also das Internet in der heute bekannten Form. Die gewaltigste Medienrevolution aller Zeiten mit einem Innovations- und Technologieschub nie dagewesenen Ausmaßes wurde vor rund zehn Jahren in Genf geboren. Die für das Cern entwickelten supraleitenden Magnete arbeiten heute auch in der Medizintechnik. Und Schwerionenbeschleuniger können nicht nur den Urknall nachbilden, sie befreien bereits an mehreren medizinischen Zentren Menschen von ihren Krebsgeschwulsten.

In einer Zeit, in der das Leben vieler Menschen beschleunigt wirkt, mag Grundlagenforschung antiquiert wirken, zudem ohne direkten wirtschaftlichen Nutzen. Aber auch da zeigt jeder Blick zurück, dass das Gegenteil richtig ist. Zwei gewaltige Theorien - Max Plancks Quantenphysik und Albert Einsteins Relativitätstheorie - haben gut 100 Jahre gebraucht, um unsere moderne Welt umzuwälzen. Satelliten-Navigation und Digitalkameras sind Teil unseres Alltags, demnächst wird der Quantencomputer erwartet. Jene, die einst diesen großen Geistern und ihren Ideen den Weg ebneten, sind schon lange tot. Umso wichtiger ist es heute für Politiker und Wissenschaftsmanager, die neuen Visionäre nicht der Ängstlichkeit oder gar dem kurzfristigen Kommerz zu opfern. Sie sollen mutig sein.

Autor:  KARL-HEINZ KARISCH
Datum:  10 | 9 | 2008
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