Gerade zwei Jahre ist es her, da verabschiedete sich die große Koalition in ihre letzten Sommerferien. Die Wähler ärgerten sich über das Dienstwagen-Affärchen von Ulla Schmidt, sie wunderten sich über das 18-köpfige Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten wie über die chronischen Selbstzweifel der Genossen – und schickten ein paar Wochen später die Sozialdemokraten mit 23 Prozent gnadenlos in die Opposition. Die Hoffnung der SPD, am Ende für die Arbeit in zentralen Ministerien belohnt zu werden, erfüllte sich nicht. Die Ernte des schwarz-roten Bündnisses fuhr allein Angela Merkel ein.
Pünktlich zur Halbzeit der neuen schwarz-gelben Koalition unter Merkels Leitung nimmt die Geschichte eine bemerkenswerte Wendung: In Ex-Finanzminister Peer Steinbrück und Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier haben sich in den Umfragen zwei sozialdemokratische Aushängeschilder der einstigen großen Koalition weit nach vorn geschoben. Beide Politiker schneiden im direkten Vergleich deutlich besser als Merkel ab. Plötzlich erhält der mögliche Wechsel im Kanzleramt 2013 konkrete Gesichter.
Die Regierungschefin kassiert mit dem Absturz in der Wählergunst die Quittung für ihre orientierungslose Amtsführung. Ganz gleich, ob in der Euro-Krise, der Steuerdebatte, der Außenpolitik oder der Positionierung zur Kernkraft legt Merkel seit Monaten atemberaubende Argumentations- und Kurswechsel hin. Der kantige Steinbrück und der solide Steinmeier stehen im Vergleich dazu für Verlässlichkeit. Ihre wachsende Wertschätzung spiegelt den Wunsch vieler Menschen nach politischer Führung in unübersichtlicher Zeit. Zudem bietet Steinbrück bei seinen Vorträgen etwas, das die Naturwissenschaftlerin Merkel schmerzlich vermissen lässt: Erklärung, Einordnung und Orientierung.
Doch auch der SPD muss die Rückkehr der „Stones“ zu denken geben. Bemerkenswert ist, dass die beiden mit Abstand beliebtesten Sozialdemokraten bis heute die Agenda 2010 verteidigen. Offensichtlich spielt die selbstquälerische parteiinterne Auseinandersetzung mit diesen Reformen in der breiten Bevölkerung längst eine untergeordnete Rolle. Die Menschen wollen Antworten auf die Zukunftsfragen der Verschuldung, der Bildung oder der Gestaltung einer alternden Gesellschaft. Doch die Ideen der SPD scheinen sie bislang nicht zu überzeugen. Anders ist kaum zu erklären, dass trotz der desaströsen Verfassung von Schwarz-Gelb zwar die Sympathiewerte einzelner SPD-Politiker stark anziehen, die der Partei aber nicht.
An diesem Dilemma würde die frühzeitige Festlegung auf einen Kanzlerkandidaten nichts ändern. Im Gegenteil. Ohne abgestimmte Konzepte zur Steuer-, Bildungs- oder Pflegepolitik würde der Kandidat bei jeder Talkshow gelöchert und bald aus den eigenen Reihen demontiert. Zudem sind zwei Jahre bis zur Wahl eine lange Strecke, auf der sich die Bedingungen noch ändern können. Insofern hat SPD-Chef Gabriel recht, wenn er eine Festlegung in der K-Frage vermeidet. Dass er die Debatte, für die er nun die Medien schilt, selbst angestoßen hat, steht auf einem anderen Blatt.
Auf absehbare Zeit müssen Gabriel, Steinmeier und Steinbrück als Troika zusammenarbeiten. Wahrscheinlich wird Steinbrück die eigenen Truppen nie so mobilisieren wie Gabriel. Dafür wird Gabriel programmatisch kaum so lange Linien ziehen können wie Steinmeier, dem das rhetorische Feuer von Steinbrück fehlt. Beide „Stones“ genießen in der Öffentlichkeit bis hinein ins bürgerliche Lager ein Maß an Vertrauen, das dem sprunghaften Gabriel abgeht. Sehr viel spricht daher dafür, dass der Kandidat Steinbrück oder Steinmeier heißen wird. Gut möglich, dass Gabriel das insgeheim akzeptiert hat. Er will sich aber die Entscheidung nicht abnehmen lassen.
Ohnehin kommt auf den SPD-Chef in den nächsten Monaten die schwierigste Aufgabe zu: Während Steinbrück vor allem dem eigenen Ego zu widerstehen hat und den Wirbel um seine Person dämpfen sollte, muss Gabriel das inhaltliche Vakuum der Partei füllen und die Genossen darauf vorbereiten, dass die unverbindliche Oppositionszeit schneller als gedacht vorbei sein könnte. An Ideen von der Sockelrente über die Entlastung von Geringverdienern bis zur Ausweitung der Pflege-Leistungen mangelt es nicht. Bloß fügt sich das bislang nicht zu einem regierungstauglichen Konzept zusammen. Ohne Programm aber nutzt der beste Kandidat nichts. Am besten wäre es, wenn beide zueinander passen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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